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Krebs- und Todesfälle in dubiosen Stammzellkliniken

Drei Patienten mit Krebswucherungen und vier vermeidbare Todesfälle - fragwürdige Therapieversuche mit Stammzellen können gefährlich sein.

Wenn Ärzte mit ihren Möglichkeiten am Ende sind, lockt das Internet mit dubiosen Angeboten: Hunderte Kliniken versprechen Heilung durch Stammzellen. Wer sich darauf einlässt, wird fast immer enttäuscht, ist um eine Hoffnung ärmer und verliert eine Menge Geld. Doch nicht jeder hat so viel Glück.

Stammzellen

Auch wenn Stammzellen in der Regel harmlos sind, können sie in seltenen Fällen Tumore hervorbringen. Zudem sind die notwendigen Operationen manchmal mit Komplikationen verbunden.

Sogar fragwürdige und nutzlose Stammzelltherapien werden in der Regel gut vertragen. Dennoch kommt es immer wieder zu schweren Zwischenfällen: Die Stammzellen zerstören Gewebe, erzeugen ein Krebsgeschwür, oder ihre Transplantation führt zu tödlichen Komplikationen. Einige gut dokumentierte Fälle sind hier aufgelistet - die aber wohl nur die Spitze des Eisbergs darstellen.

1. Entwicklung von Tumoren

Körperfremde Zellen werden in der Regel vom Immunsystem als gefährlich eingestuft und angegriffen. Das gilt auch für Stammzellen, unabhängig davon, aus welcher Quelle sie stammen. Es ist daher unwahrscheinlich, dass sie Tumore hervorbringen - Immunzellen greifen hier rasch und zuverlässig ein.

Doch Menschen, die an schweren Krankheiten leiden, haben oftmals auch ein geschwächtes Immunsystem. Mindestens drei Fälle sind bekannt, bei der sich nach einer Behandlung in einer dubiosen Stammzellklinik Tumore oder gefährliche Wucherungen entwickelt haben.

Der erste bekannte Fall betraf einen 13-jährigen Jungen aus Israel1. Er litt an der schweren Erbkrankheit Louis-Bar-Syndrom, und seine Eltern schickten ihn zwischen 2001 und 2004 dreimal in eine Stammzellklinik in Moskau. Dort erhielt er Injektionen mit fetalen Stammzellen, direkt in das Gehirn. 2005 plagten den Jungen Kopfschmerzen, woraufhin er ein Krankenhaus in Tel Aviv aufsuchte. Ärzte entdeckten einen Tumor in seinem Kopf. Er stammte von körperfremden Zellen, und mindestens aus zwei unterschiedlichen Quellen - eine weiblich und eine männlich.

2016 wurde der Fall eines 66-jährigen US-Amerikaners bekannt, der mit Stammzelltherapien die Folgen eines Schlaganfalls mildern wollte2. Er suchte Kliniken in drei Ländern auf - China, Argentinien und Mexiko. Dabei erhielt er Infusionen mit embryonalen, fetalen und mesenchymalen Stammzellen. Nachdem sich Schmerzen und Lähmungen einstellten, fanden Ärzte in seiner Wirbelsäule eine höchst ungewöhnliche Wucherung, die sie nicht einordnen konnten. Sicher ist nur, dass sie von körperfremden Zellen erzeugt wurde.

Noch ungewöhnlicher war ein Fall in Bangkok3. Im Jahr 2006 wollte eine 46-jährige Frau ihren Lupus Nephritis behandeln, indem sie sich körpereigene Stammzellen aus dem Blut direkt in die Nieren spritzen ließ. In der Nähe der Injektionsstelle entwickelten sich Wucherungen, die Ärzte in einer Klinik in Bangkok zuerst für einen Tumor hielten. Nach der operativen Entfernung entpuppte sich die Wucherung jedoch als Mischung aus Knochenmarkgewebe und Blutgefäßen. Die Ärzte hatten so etwas vorher noch nie gesehen.

2. Erblindung nach dubioser Augenbehandlung

Heilung bei drohender Erblindung - das versprach eine Klinik in Florida durch den Einsatz körpereigener Stammzellen. Tatsächlich investieren Ärzte viel Mühe in die Entwicklung von Stammzelltherapien gegen die altersbedingte Makuladegeneration, allerdings auf der Basis von embryonalen Stammzellen oder iPS-Zellen.

Die US-Klinik nutzte jedoch Stammzellen aus dem Fettgewebe und injizierte sie in das Auge. Die Folge: Bei drei Frauen löste sich die Netzhaut ab und der Augeninnendruck stieg an4. Alle Drei erblindeten. Die Zahl der Opfer ist vermutlich noch höher, eine andere Quelle berichtete im Jahr 2016 von sieben Betroffenen5, und Ende 2017 meldete sich noch ein weiteres Opfer10. Ein ähnlicher Fall ereignete sich in einer kommerziellen Klinik im US-Staat Georgia11.

3. Schwere Komplikationen bei der Operation

Auch wenn Stammzellen meist harmlos sind - die Operation für ihre Transplantation ist es oftmals nicht. Selbst scheinbar triviale Eingriffe können mißlingen, mit tragischem Ende. Mindestens zwei Todesfälle sind verbürgt.

Einer ereignete sich in Deutschland, im mittlerweile geschlossenen XCell-Center in Düsseldorf. Im August 2010 starb ein 18 Monate altes Kind aus Rumänien, nachdem Ärzte ihm Präparate aus dem Knochenmark in das Gehirn injiziert hatten6. Bereits kurz zuvor gab es einen schwerwiegenden Zwischenfall, durch den sich der Zustand eines zwölfjährigen Jungens deutlich verschlechterte7.

Auch in Südkorea kam es im Jahr 2010 zu zwei Todesfällen, nachdem die Patienten Injektionen von Stammzellen erhalten hatten. Einer der Patienten verstarb an Lungenembolie, ein anderer wachte nicht mehr aus der Narkose auf8.

In Australien verstarb im Jahr 2013 eine ältere Frau, die sich einer Transplantation von Fettzellen unterzogen hatte9. Sie litt an schwerer Demenz, und ihr Mann erhoffte sich von diesem Eingriff eine Besserung oder wenigstens ein verlangsamtes Fortschreiten der Behandlung. Der Arzt hatte zuvor versichert, dass der Eingriff "keine große Sache" sei.

Hohe Dunkelziffer?

Vier Tote und mindestens acht schwere Komplikationen - angesichts von tausenden Patienten, die sich dubiosen Stammzelltherapien aussetzen, mag diese Zahl gering erscheinen. Aber sie wohl ein Teil der Geschichte: Dubiose Kliniken führen keine Register und betreiben keinen Nachsorge. Die Dunkelziffer an unentdeckten Fällen könnte wesentlich höher ausfallen.

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Teil 1/2: Dubiose Stammzelltherapien: Ein Geschäft mit der Verzweiflung
Teil 2/2: Krebs- und Todesfälle in dubiosen Stammzellkliniken
1 Amariglio et al., Donor-Derived Brain Tumor Following Neural Stem Cell Transplantation in an Ataxia Telangiectasia Patient, PLoS Medicine, Februar 2009 (Link)
2 Berkowitz et al., Glioproliferative Lesion of the Spinal Cord as a Complication of “Stem-Cell Tourism”, N Engl J Med, Juli 2016 (Link)
alle Referenzen anzeigen 3 Thirabanjasak et al., Angiomyeloproliferative Lesions Following Autologous Stem Cell Therapy, JASN Juli 2010 (Link)
4 Kuriyan et al., Vision Loss after Intravitreal Injection of Autologous “Stem Cells” for AMD, N Engl J Med, März 2017 (Link)
5 P. Knoepfler, Jeanne Loring’s Report from Inside FDA Stem Cell Meeting Day 1, The Niche, September 2016 (Link)
6 Zweijähriger tot: Ärztin verteidigt trotzdem gefährliche Therapie, Heilpraxis.net, Oktober 2015 (Link)
7 S. Kutter, Dubiose Stammzell-Therapien, Wirtschaftswoche August 2010 (Link)
8 D. Cyranoski, Korean deaths spark inquiry, Nature, November 2010 (Link)
9 P. Knoepfler, Woman’s death after “no big deal” fat stem cell therapy: coroner investigating, The Niche, Juni 2016 (Link)
10 P. Knoepfler, New lawsuit against U.S. Stem Cell also alleges blindness, The Niche, Dezember 2017 (Link)
11 Saraf et al., Bilateral Retinal Detachments After Intravitreal Injection of Adipose-Derived ‘Stem Cells’ in a Patient With Exudative Macular Degeneration, Ophthalmic Surg Lasers Imaging Retina., September 2017 (Link)

Stammzellen

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Kurz und knapp

  • eine Behandlung mit Stammzellen wird in der Regel gut vertragen
  • in fragwürdigen Stammzell­kliniken kommt es jedoch immer wieder zu Zwischen­fällen
  • bei drei Patienten haben sich jedoch nach der Behandlung Tumore oder Wucherungen entwickelt
  • mindestens vier Patienten sind erblindet oder schwer sehbehindert, weil sich nach einer dubiosen Stamm­zelltherapie die Netzhaut ablöste
  • Komplikationen bei der Operation haben vier Menschen das Leben gekostet
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