Fetale Stammzellen: Hoffnung für Hirnerkrankungen?

   

Seit 1987 werden Menschen mit fetalen Zellen be­­handelt - gegen Krankheiten wie Parkinson und Chorea Huntington. Trotz einzelner Erfolge ist ein Durchbruch nicht in Sicht.

Krankheiten, die das Gehirn angreifen, können nur schlecht mit Medikamenten behandelt werden, und Gentherapien hatte bislang wenig Erfolg. Viele Ärzte setzen daher auf Zelltherapien: Das Wachstum von neuen Nervenzellen soll den Verfall aufhalten und vielleicht sogar verlorene Funktionen wieder herstellen. Doch geeignete Zellen sind schwer zu finden.

Fetale Stammzellen in der Medizin

Menschliche Feten sind eine Quelle für Stammzellen. In der Medizin werden Zellen aus Gehirn, Retina und Leber getestet.

Lange Zeit stellten fetale Zellen die einzige Möglichkeit dar, eine Zelltherapie für neurodegenerative Erkrankungen zu entwickeln: Adulte Stammzellen sind im erwachsenen Gehirn sehr selten, embryonale Stammzellen und iPS-Zellen waren noch nicht reif für derartige Anwendungen.

Widersprüchliche Ergebnisse bei Parkinson-Krankheit

Große Hoffnungen bestanden in den 90er Jahren bei der Therapie der Parkinson-Krankheit1. Bei dieser neurodegenerativen Erkrankung sterben Dopamin-produzierende Nervenzellen im Gehirn ab, und fetale Zellen sollen sie ersetzen. Tatsächlich konnten fetale Zellen mehr als zehn Jahre nach der Trans­plantation in Patienten nachgewiesen werden: Sie waren offenkundig lebendig und gut in das Gehirn integriert.

Doch zur Überraschung der Mediziner zeigten auch einige der fetalen Zellen die Symptome der Parkinson-Krankheit2. Und noch bedenklicher: Trotz einzelner Erfolge besserte sich der Zustand der meisten Patienten nur geringfügig, und bei manchen traten sogar erhebliche Nebenwirkungen auf3.

Angesichts dieser Probleme stellten die Forscher ihre Aktivitäten im Jahr 2003 ein und sichteten ihre Möglichkeiten. Nun wagen sie einen neuen Anlauf: Im Mai 2015 wurde in England erstmals wieder ein Patient mit fetalen Zellen behandelt7. In einer Zusammenarbeit mit einer schwedischen Klinik sollen es insgesamt 20 Patienten werden. Die Ergebnisse der Studie werden allerdings erst für das Jahr 2020 erwartet8.

Anfang 2017 startete in Australien eine Studie mit parthogenetischen Stammzellen, die aus unbefruchteten Eizellen erzeugt werden. Der erste Test an zwölf Patienten wird voraussichtlich im März 2019 beendet sein9.

Ein Problem werden diese Versuche nicht lösen: Nicht alle Symptome der Parkinson Krankheit hängen mit dem Verlust der Dopamin-produzierenden Zellen zusammen, auch andere Bereiche des Gehirns können be­trof­fen sein. Und daher werden manche Patienten mehr und andere weniger von einer Stammzelltransplantation profitieren. Doch welcher Patient profitieren könnte und wie stark, das ist noch völlig unklar.

Chorea Huntington

Eine zweite häufige neurodegenerative Erkrankung ist die der Alzheimer-Krankheit. Eine Therapie stände hier vor noch größeren Hürden: Bei dieser Krankheit sind unterschiedliche Hirnzellen betroffen, und die Veränderungen im Gehirn sind sehr vielfältig und kompliziert. Die Transplantation eines einzelnen Zelltyps erscheint da wenig erfolgversprechend. Der bekannte Forscher Rudolf Jaenisch zumindest bezweifelt, dass eine Stammzell­therapie bei Alzheimer erfolgreich sein könnte4.

Die Chorea Huntington ist Ziel einer Studie, die in Deutschland mit fetalen Zellen durchgeführt wird. 2005 wurde an dem Universitätsklinikum Freiburg erstmals Patienten fetale Zellen in das Gehirn injiziert. Die Krankheit, auch Veitstanz genannt, tritt meist erst nach dem 35. Lebensjahr auf und entwickelt zunehmend schwerere Symptome: Zuerst verlieren die Betroffenen die Kontrolle über ihre Bewegungen und am Ende leiden sie an vollständiger Demenz.

In einem ersten Zwischenbericht erklärte der leitende Arzt Guido Nikkhah, dass zumindest das Fortschreiten dieser Krankheit verlang­samt werden konnte5. Für diese Patienten stellen Stammzellen die einzige Hoffnung dar, eine andere wirkungsvolle Therapie gibt es nicht.

Hat die fetale Stammzelltherapie eine Zukunft?

Insgesamt blieben die großen Erfolge auf Feld der fetalen Zelltherapie bislang aus, und die Euphorie hat in den letzten Jahren deutlich nachgelassen. Dazu kommt, dass die Gewinnung von fetalen Zellen stark umstritten ist - sie stammen meist aus abgetriebenen Embryos oder Feten.

Aufgrund der geringen Größe der Feten in der fünften bis zwölften Schwangerschaftswoche sind pro Behandlung in der Regel 2-8 Feten notwendig. Fetale Zellen sind außerhalb der Mutter nicht lange lebensfähig, die Feten müssen also in einem Zeitraum von ein bis zwei Tagen anfallen. Spontane Totgeburten eher selten sind, und so sind Abtreibungen die einzige realistische Quelle.

Die Zukunft der fetalen Stammzelltherapie ist ungewiss. Kleinere Biotech-Firmen bereiten zwar eine kommerzielle Markteinführung vor6, doch andere Arten von Stammzellen scheinen langfristig mehr Aussicht auf Erfolg zu bieten8.

1 Lindvall et al., Fetal dopamine-rich mesencephalic grafts in Parkinson's disease, Lancet 1988, vol. ii, pp. 1483-4
2 Kordower et al., Lewy body-like pathology in long-term embryonic nigral transplants in Parkinson's disease, Nature Medicine 2008, vol. 14, pp. 504-506 (link)
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