Mesenchymale Stammzellen aus dem Fettgewebe

Das Fettgewebe enthält viele mesenchymale Stammzellen. Klinische Studien testen ihre Anwendung bei Darmerkrankungen, Osteoarthritis und Herzschwäche.

Mesenchymale Stammzellen (MSC) erneuern viele Gewebe und setzen Botenstoffe frei, die bei einigen Erkrankungen lindernd wirken. Sie sind im ganzen Körper verbreitet, aber nur im Fettgewebe kommen sie in sehr großer Zahl vor1. Bei kosmetischen Operationen fällt Körperfett als Abfallprodukt an und kann für medizinische Anwendungen weiterverarbeitet werden.

MSC aus dem Fettgewebe

Mesenchymale Stammzellen werden bei Osteoarthritis, Herzschwäche und Darmerkrankungen getestet

Das Absaugen von überflüssigem Fettgewebe gehört in vielen Arztpraxen zur täglichen Routine. Der Eingriff, in der Fachsprache Liposuktion genannt, verläuft meist ohne Komplikationen und entfernt bis zu drei Liter einer zähflüssigen Fettmasse, die aus Zellen und Geweberesten besteht2. Eine Behandlung mit Enzymen trennt das entfernte Fett in seine Bestandteile auf, wobei eine der Komponenten - die stromal-vaskuläre Fraktion (SVF) - für die Medizin von großem Interesse ist.

Millionen mesenchymale Stammzellen im Fettgewebe

Die SVF ist anfangs noch ein Gemisch aus unterschiedlichen Zellen. Um das Gemisch weiter aufzutrennen, wird es in Plastikgefäße überführt: MSC kleben am Boden der Gefäße fest, während andere Zellen leicht abgewaschen werden können. Mit diesem einfachen Verfahren werden aus einer einzigen Liposuktion oft hunderte Millionen Stammzellen gewonnen - ein Vielfaches von dem, was aus Knochenmark oder dem Nabelschnurgewebe erhältlich ist.

Per Definition gelten diese Zellen als mesenchymale Stammzellen oder MSC. Manchmal tragen sie aber auch andere Namen, die ihre Herkunft eindeutiger kennzeichnen: Fettstammzellen, adipöse Stammzellen oder SVF-Zellen. Die unterschiedlichen Bezeichnungen können verwirrend wirken, in der Regel handelt es sich aber um die gleichen Zellen mit ähnlichen Eigenschaften.

Diese Eigenschaften sind in der Medizin sehr begehrt. MSC sind wandlungsfähig und können das Fettgewebe, Knochen und Knorpeln regenerieren. Im Labor können auch Nerven-, Muskel- und Herzzellen1 entstehen. Zudem setzten sie Botenstoffe frei, die Erkrankungen lindern können: Wachstumsfaktoren unterstützen die Heilung von verletztem Gewebe und Zytokine wirken besänftigend auf ein überschießendes Immunsystem.

Ärzte starteten bereits dutzende Studien, die die Eignung von MSC aus dem Fettgewebe für die Medizin testen sollen. Manche befinden sich noch ganz am Anfang, darunter solche für ischämischen Schlaganfall, multiple Sklerose, Nierenschädigungen, chronische Hautwunden und Hirntumore (Gliome). Bei Erkrankungen der Lunge3 und chronischem Leberversagen wurden bereits die erste Tests am Menschen abgeschlossen. Am größten sind die Fortschritte jedoch bei Herzinfarkt, Darmerkrankungen und Osteoarthritis.

Herzinfarkt, Darmerkrankungen und Osteoarthritis

Bei einem Herzinfarkt sterben bis zu einer Milliarde Muskelzellen - ein Verlust, den das Herz nicht selbständig ausgleichen kann. MSC aus dem Fettgewebe können die Symptome lindern, wie vier klinische Studien gezeigt haben4: Die Pumpleistung und die allgemeinen Herzfunktionen haben sich nach der Behandlung leicht gebessert. Die Wirkung beruht vor allem auf der Freisetzung von Botenstoffen, die das Absterben von Gewebe verhindern, Entzündungen verringern und die Blutversorgung verbessern.

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen entstehen oft durch eine Überreaktion des Immunsystems. MSC wirken lindernd, weil sie durch die Freisetzung von Zytokinen, den Botenstoffen des Immunsystems, die Immunreaktion besänftigen können. Sechs klinische Studien konnten bislang eine lindernde Wirkung aufzeigen, eine Therapie ist bereits von den Behörden zugelassen: Alofisel unterstützt die Heilung von Analfisteln, einer schmerzhaften Komplikation bei Morbus Crohn.

Stammzellen, die aus dem körpereigenen Fettgewebe stammen, können auch bei Kniebeschwerden helfen. Sechs klinische Studien beschäftigen sich Osteoarthritis, und die Patienten litten danach unter geringeren Schmerzen und gewannen eine höhere Mobilität. Die Wirkung hielt über Monate an, bei manchen Patienten sogar länger als zwei Jahre.

Eines zeigten diese Studien allerdings auch deutlich: Von einer vollständigen Heilung waren die Therapieversuche weit entfernt, meist wurden nur die Symptome mehr oder weniger deutlich gelindert. Und noch ist immer noch nicht vollständig erklärt, auf welchem Weg die MSC ihre lindernde Wirkung entfalten. Es ist also noch ein langer Weg, bevor sich MSC endgültig in der Medizin etablieren.

1 Argentati et al., Adipose Stem Cell Translational Applications: From Bench-to-Bedside, International Journal of Molecular Sciences, November 2018 (Link)
2 Bateman et al., Using Fat to Fight Disease: A Systematic Review of Nonhomologous Adipose-Derived Stromal/Stem Cell Therapies, Stem Cells, Mai 2018 (Link)
alle Referenzen anzeigen 3 Kardia et al., The use of mesenchymal stromal cells in treatment of lung disorders, Regenerative Medicine, Februar 2017 (Link)
4 Bruun et al., Therapeutic applications of adipose-derived stem cells in cardiovascular disease, American Journal of Stem Cells, Oktober 2018 (Link)

MSC aus dem Fettgewebe

Mesenchymale Stammzellen werden bei Osteoarthritis, Herzschwäche und Darmerkrankungen getestet
Das Fettgewebe ist eine reiche Quelle an mesenchymalen Stammzellen, die bereits in vielen Studien getest wird.

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Kurz und knapp

  • Fettgewebe enthält große Mengen von mesenchymalen Stammzellen (MSC)
  • die Liposuktion, das Absaugen von Körperfett bei kosmetischen Operationen, ist eine ergiebige Quelle für MSC
  • MSC aus dem Fettgewebe werden auch Fettstammzellen, adipöse Stammzellen oder SVF-Zellen genannt
  • MSC setzten Botenstoffe frei, die die Heilung von Gewebe unterstützen und Entzündungen lindern
  • in der Medizin machen MSC aus dem Fettgewebe größere Fortschritte bei der Therapie von Herzinfarkt, Darmerkrankungen und Osteoarthritis
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