Juni 2021
Dieser Newsletter von wissensschau.de informiert im Abstand von zwei Monaten über jüngste Entwicklungen bei der Gentherapie und den CAR-T-Zellen.

 

Klinische Studien

CAR-T-Zellen wirksam gegen Multiples Myelom

Janssen Pharmaceutical Companies

Eine CAR-T-Zelltherapie des belgischen Konzerns Janssen kann das Multiple Myelom erfolgreich zurückdrängen. In zwei Studien mit knapp 100 Patienten lag die progressionsfreie Überlebensrate nach 18 Monaten bei 66 Prozent. Etwa 5 von 100 Patienten Patienten litten unter einem schweren Zytokinsturm, etwa 1 von 10 unter Neurotoxizität von mindestens Grad 3. Im April 2021 hat Janssen die Zulassung in der Europäischen Union beantragt.

Die Therapie mit Namen Cilta-cel richtet sich gegen den Krebsmarker BCMA, ein häufiges Merkmal von multiplen Myelomen. Einen sehr ähnlichen Ansatz verfolgt der US-Konzern Bristol Myers Squibb mit seiner CAR-T-Zelltherapie Abecma. Diese ist seit März 2021 in den USA zugelassen und wartet wie Cilta-cel auf Zulassung in der Europäischen Union.

Zwei Tote bei CAR-T-Zelltherapie gegen Prostatakrebs

Endpoints

Die US-amerikanische Firma Tmunity musste im Mai eine Prostatakrebs-Studie stoppen, weil die CAR-T-Zelltherapie eine massive Entzündung im Gehirn auslöste. Die Reaktion traten bei drei Probanden auf, zwei davon verstarben im Laufe dieses Jahres. Ursache war anscheinend eine starke Aktivierung von bestimmten Immunzellen, den Makrophagen. Die Gründer von Tmunity befürchten, dass es sich um allgemeines Problem bei der Therapie von soliden Tumoren handeln könnte.

Die CAR-T-Zellen von Tmunity richteten sich gegen den Krebsmarker PMSA und erwiesen sich anfangs als sehr wirksam. Doch bei den drei Patienten kam es zu einem Zusammenbruch der Blut-Hirn-Schranke, deren Folgen nicht mit Standardtherapien behandelbar waren. Bei den bislang getesteten CAR-T-Zelltherapien gegen Lymphome sind derartige Nebenwirkungen nicht aufgetreten. Tmunity arbeitet nun an einer neuen Generation von CAR-T-Zellen, die ein besseres Sicherheitsprofil aufweisen sollen.

Gentherapie ist gegen Immunschwäche erfolgreich, wird eingestellt

New England Journal of Medicine

Im Mai veröffentlichte die britische Firma Orchard Therapeutics überzeugende Ergebnisse: Eine Gentherapie gegen die angeborene, schwere Immunschwäche ADA-SCID war bei über 9 von 10 Patienten so erfolgreich, dass sie ihre bisherigen Therapien abbrechen konnten. Alle 50 Behandelten überlebten für mindestens zwei Jahre, die Nebenwirkungen blieben gering und beschränkten sich meist auf die Folgen der einleitenden Chemotherapie. Die Studie erschien im angesehen Fachjournal New England Journal of Medicine.

Doch wenige Wochen später verkündete Orchard, dass es das Projekt einstellen wird. Die Firma will sich in Zukunft nur noch auf vier Schwerpunkte konzentrieren. Ob Orchard die bereits zugelassene Gentherapie Strimvelis auf dem Markt lässt, ist ebenfalls unklar: Im Augenblick ist die Vermarktung aufgrund eines Leukämiefalls gestoppt. Strimvelis richtet sich ebenfalls gegen die Immunschwäche ADA-SCID, nutzt aber eine andere Genfähre.

Forschung

CRISPR Basen-Editor senkt Blutfettwerte in Affen

Nature

Die US-amerikanische Firma Verve Therapeutics hat das Enzym PCSK9 in Javaneraffen ausgeschaltet und das LDL-Cholesterin in deren Blut um 60 % gesenkt. Der Eingriff erfolgte mit einem CRISPR Basen-Editor: Diese Variante der Genschere schneidet nicht den DNA-Strang, sondern tauscht gezielt einzelne Basen aus. Das Enzym PCSK9 reguliert auch den Fettstoffwechsel beim Menschen und beeinflusst Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Studie wurde im Fachjournal Nature veröffentlicht.

Der CRISPR Basen-Editor gilt als potenziell verträglicher als eine voll funktionsfähige Genschere. Lipid-Nanopartikel transportierten den Editor als mRNA-Molekül in die Leber der Affen, wo er das Gen für PCSK9 abschaltete. Die Konzentration des PCSK9-Enzyms im Blut sank um 80 %, die Wirkung hielt mindestens acht Monate lang an. Die Affen zeigten keine Anzeichen für gesundheitliche Probleme oder abträgliche Immunreaktionen. Versuche beim Menschen sind vorerst nicht geplant.

Industrie

Zolgensma mit weniger Umsatz als erhofft

Evaluate

Stagnation in den USA, Rabatte in Großbritannien und harte Preisverhandlungen mit EU-Staaten – die Gentherapie Zolgensma bleibt hinter den finanziellen Erwartungen zurück. Dramatisch ist die Lage für den Schweizer Konzern Novartis deshalb nicht: Weltweit wurden bereits 1200 Patienten behandelt, bei einem Listenpreis von knapp 2 Millionen Euro. Und der Umsatz im ersten Quartal 2021 lag jenseits von 300 Millionen US-Dollar. Novartis hatte anfangs allerdings auf das Doppelte gehofft.

Ein Teil des Problems ist die Corona-Pandemie, die die Aufnahme neuer oder wechselwilliger Patienten erschwert. Zudem lässt eine Version, die auch für ältere Kinder geeignet ist, weiterhin auf sich warten. Und nicht zuletzt verschärft sich die Konkurrenz: Neben Spinraza vom US-Konzern Biogen etabliert sich gerade der Schweizer Konzern Roche auf dem Markt. Sein Präparat Evrysdi bietet zwei klare Vorteile – es ist vergleichsweise günstig und einfach als Tablette einzunehmen.

Dritte Gentherapie von Bluebird bio vor Zulassung

BioPharmaDive

Ein Experten-Gremium empfiehlt der Europäischen Union, die Gentherapie Skysona für die Behandlung der zerebralen Adrenoleukodystrophie (ALD) zuzulassen. Eine Studie hat gezeigt, dass 27 von 32 behandelten Kindern mindestens zwei Jahre lang überlebten und keine schweren Entwicklungsstörungen aufwiesen. Die schwere Erbkrankheit verläuft unbehandelt in der Regel tödlich. Für den Hersteller, die US-Firma Bluebird bio, wäre es nach Zynteglo und Abecma (bislang nur USA) die dritte Gentherapie auf dem Markt. Die zuständige EU-Kommission wird voraussichtlich Mitte des Jahres über die Zulassung entscheiden.

Methoden

Algen-Gen: Ein Blinder sieht wieder (zumindest ein bisschen)

Nature Medicine

Die Optogenetik – das Koppeln von Zellaktivität und Lichtreizen – war bislang vor allem ein Werkzeug der Grundlagenforschung. Nun kam es auch in der Gentherapie zum Einsatz: Ein vormals blinder Mensch kann wieder Umrisse erahnen, weil Nervenzellen in seinem Auge auf gelb-oranges Licht reagieren. Ein internationales Forscherteam schleuste dazu ein lichtempfindliches Gen aus Algen in das Auge des Patienten ein. Für das Sehen ist ein langes Training und eine spezielle Brille erforderlich, die nur eine sehr grobe Auflösung liefert. Wie weit sich die Sehfähigkeit des Patienten noch entwickelt, bleibt offen.

Medienspiegel

Sicherer Tod oder unsichere Zukunft?

USA Today

Ein kleines Mädchen bleibt in der Entwicklung stehen, Ärzte diagnostizieren eine tödliche Krankheit. Die Eltern klammern sich an eine letzte Hoffnung – eine experimentelle Gentherapie. Sehr einfühlsam erzählt Karen Weintraub die Geschichte einer dänischen Familie. Das Ende bleibt offen.

 
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