Nabelschnurblut unterstützt die Therapie von Blutkrebs

   

Die Transplantation von Nabelschnurblut kann schwere Fälle von Blutkrebs heilen - vor allem bei Kindern, zunehmend aber auch bei Erwachsenen.

Im Jahr 1993 stand ein kleiner US-amerikanischer Junge kurz vor dem Tod: Zwei Chemotherapien hatten den Blutkrebs des zweijährigen Mitch Santana nicht besiegen können, ein passender Knochenmarkspender war nirgends aufzutreiben. Die Ärzte entschlossen sich daher zu einer Operation, die Medizingeschichte schreiben sollte: Sie transplantierten dem schwerkranken Jungen Nabelschnurblut, das von einem fremden Spender stammte.

Blutkrebs: Zellen aus dem Knochenmark eines Patienten, der an akuter lymphatischer Leukämie leidet. (Bild: VashiDonsk)

Mitch war erst der zweite Patient, der mit Nabelschnurblut von einem fremden Spender behandelt wurde. Und er war der erste Patient, der dadurch vollständig von seinem Leiden geheilt wurde. Und eine dritte Tatsache ist bemerkenswert: Die anonyme Nabelschnurblut-Spende stammte von der ersten öffentlichen Blutbank in New York, die nur wenige Monate zuvor gegründet wurde.

Krebszellen in der Nabelschnur

Was damals eine Pioniertat war, ist heute zum Standard bei der Therapie von leukämiekranken Kindern geworden. Die Transplantation von Nabelschnurblut ist allerdings ein Mittel der letzten Wahl, das zum Einsatz kommt, wenn mildere Therapieformen versagt haben. Der Transplantation gehen harsche Chemotherapien und Bestrahlungen voraus, die das gesamte Blutsystem des Patienten zerstören. Die Stammzellen des Nabelschnurbluts sollen die alten Blutzellen durch neue ersetzen.

Blutkrebs - auch Leukämie genannt - befällt die Stammzellen des Knochenmarks. Diese beginnen unkontrolliert zu wachsen und überschwemmen schließlich das gesamte Blutsystem. In den schwersten Fällen bleibt Ärzten nichts anderes übrig, als alle Zellen des Bluts vollständig zu zerstören. Die Transplantation von eigenen Stammzellen ist dann nicht mehr möglich, da sich die Krebszellen schon überall ausgebreitet haben.

Leukämien sind die häufigsten Krebserkrankungen bei Kindern. Sie leiden meist an einer Variante, die als akute lymphatische Leukämie (ALL) bezeichnet wird: In Deutschland erkranken jährlich etwa 500 Kinder daran. ALL kann innerhalb von Wochen oder Monaten zum Tod führen. Die Chancen auf Heilung sind - für eine Krebserkrankung - recht gut, je nach Alter liegen sie zwischen 70 % und 90 %.

Meist Fremdspenden

ALL tritt in vielen Unterformen auf, und jede Variante erfordert eine andere Therapie. Mildere Formen der Chemotherapie und Bestrahlung gehören zu den ersten Maßnahmen, und meist sind diese schon ausreichend. Nur in schweren Fällen - bei etwa 20 % der Patienten - ist eine Transplantation von Blutstammzellen notwendig. In Europa wurden 2016 insgesamt 120 Nabelschnurblut-Transplantationen bei ALL durchgeführt1.

Dabei wird fast immer Nabelschnurblut von fremden (allogenen) Spendern eingesetzt, da dieses ein vollständig neues Immunsystem aufbauen kann. Das ist wichtig, da manchmal Krebszellen die Chemotherapie überleben und die Krankheit so zurückkehren kann. Das neue Immunsystem, gebildet von dem fremden Nabelschnurblut, kann jedoch die Krebszellen identifizieren und wirksam bekämpfen. Allogene Spenden spielen eine entscheidende Rolle für den Erfolg der Therapie.

Ein weiterer Grund spricht gegen den Einsatz von eigenem (autologem) Nabelschnurblut: Blutkrebs bildet sich manchmal sehr früh - sogar in der Nabelschnur können erste Vorläufer der Krebszellen auftauchen2. Wird dieses Blut bei der Transplantation verwendet, kann aus den Vorläufern erneut Krebs entstehen. Der Erfolg der Therapie wäre damit zunichte gemacht.

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Was bei Kindern gut funktioniert, ist bei Erwachsenen nicht unproblematisch: Aufgrund der geringen Menge (im Durchschnitt umfasst eine Spende etwa 100 Milliliter) enthält Nabelschnurblut nur wenige Stammzellen. Es kann daher lange dauern, bis sich ein neues Immunsystem bildet - und der Patient ist in dieser Zeit Krankheitserregern schutzlos ausgesetzt. Daher erhalten Erwachsene oftmals zwei Spenden Nabelschnurblut. Diese Doppeltransplantationen haben sich als so erfolgreich erwiesen, dass heute mehr erwachsene Patienten Nabelschnurblut erhalten als Kinder.

Die Entwicklung geht weiter. Viele medizinische Studien untersuchen, wie die Anwendung von Nabelschnurblut bei Leukämien verbessert oder ausgeweitet werden kann. Es besteht also die Hoffnung, dass die Erfolgsgeschichte von Nabelschnurblut bei der Blutkrebs-Therapie noch nicht am Ende ist.

andere (mögliche) Anwendungen von Nabelschnurblut
Blutkrebs - Erbkrankheiten - Zerebralparese -
Diabetes - Autismus
1 Passweg et al., Is the use of unrelated donor transplantation leveling off in Europe? The 2016 European Society for Blood and Marrow Transplant activity survey report, Bone Marrow Transplantation 2018 (link)
2 M. Greaves, Pre-natal origins of childhood leukemia, Rev. Clin. Exp. Hematol. (2003), vol. 7, pp. 233-45 (link)

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Kurz und knapp

  • 1993 wurde erstmals Nabelschnurblut bei der Therapie von Blutkrebs (Leukämie) eingesetzt
  • Nabelschnurblut erneuert das Blutsystem des Patienten, das zuvor durch eine Chemotherapie oder Bestrahlung zerstört wurde
  • das transplantierte Nabelschnurblut stammt in der Regel von fremden (allogenen) Spendern
  • heute ist Nabelschnurblut ein Standard bei der Therapie von leukämiekranken Kindern
  • die Transplantation von zwei Nabelschnurblut-Spenden ermöglicht auch die Therapie von Erwachsenen