Gentherapie – hartnäckige Probleme gefährden den Erfolg

Neun Gentherapien sind in Europa zugelassen, weitere drängen auf den Markt. Doch das Risiko von Krebs, eine begrenzte Wirksamkeit und hohe Kosten führen immer wieder zu Rückschlägen.

Wie wirkt eine Gentherapie?

Ein Virus schleust fehlerfreie Gene in Körperzellen ein und korrigiert Fehler im Erbgut

Die Namen sind ungewohnt, die Erkrankungen selten. Doch der Eingriff ins Erbgut hat sich in der Medizin etabliert1, wie die steigende Zahl der zugelassenen Gentherapien zeigt:

Einige weitere Therapien befinden sich in der Endphase der Entwicklung und könnten bald ihre Zulassung erhalten. Dennoch ist die Lage nicht durchgängig rosig, allein der Blick auf die Geschichte der Gentherapie mahnt zur Vorsicht: Durchbrüche und Rückschläge wechselten sich stetig ab.

1. Die Risiken der Genfähren

In den 1990er Jahren hofften manche Forscher, mit Gentherapien die Medizin zu revolutionieren. Krankheiten sollten nicht mehr notdürftig behandelt, sondern von Grund auf geheilt werden2. Doch bereits 1999, mitten in der Euphorie der Anfangsjahre, kam es zu einem folgenschweren Unfall: Der 18-jährige Jesse Gelsinger starb, weil Forscher die Entwicklung zu schnell vorangetrieben hatten3. Schlagartig wurde jedem bewusst, dass Gentherapien mit erheblichen Risiken verbunden sind. Verschärfte Sicherheitsbestimmungen und mangelndes Vertrauen der Geldgeber warfen das Feld um Jahre zurück.

Studien mit Gentherapien

Zwischen 1989 und 2020 wurden über 3000 Gentherapie-Studien durchgeführt
Zugelassene Gentherapie-Studien 1989-2020 (Quelle: The Journal of Gene Medicine)

Die Risiken gehen von Genfähren aus, die für das Einschleusen der fehlerfreien Gene in den Körper benötigt werden. Sie beruhen auf Viren, die Forscher tiefgreifend verändert haben. Diese Genfähren sind im Grunde harmlos, doch das menschliche Immunsystem hält sie weiterhin für eine Bedrohung – und reagiert mit teils massiven Abwehrmaßnahmen. An einer solchen Überreaktion ist auch Jesse Gelsinger gestorben.

Andere Genfähren werden zur Gefahr, wenn sie ihre Last am falschen Ort im Erbgut ablegen. Im schlimmsten Fall wird die Erbinformation so verändert, dass Krebszellen entstehen. Immer wieder sind Teilnehmer von Gentherapie-Studien an Blutkrebs erkrankt, einige auch daran gestorben.

Das Risiko hat sich mit der Entwicklung neuer Genfähren deutlich verringert, ist aber nicht vollständig verschwunden. Die weit verbreiteten AAV-Genfähren können schwere Abwehrreaktionen und Todesfälle auslösen, wenn sie in sehr hoher Dosis eingesetzt werden4. Und im August 2021 wurde eine Studie mit lentiviralen Genfähren gestoppt, weil Patienten an einer Vorstufe der Leukämie erkrankten5.

2. Eher Linderung statt Heilung

Das zweite große Problem zeigte sich ebenfalls schon sehr früh – eine häufig eingeschränkte Wirksamkeit. Glybera war 2012 die erste Gentherapie, die in der westlichen Welt zugelassen wurde. Das Ziel war eine seltene Stoffwechselkrankheit, die schwere Entzündungen der Bauchspeicheldrüse verursacht.

Verfügbare Gentherapien

Seit 2012 wurde in der EU 10 Gentherapien zugelassen, eine davon wurde bereits wieder zurückgezogen
Neun Gentherapien sind aktuell in der Europäischen Union zugelassen, eine wurde bereits wieder vom Hersteller zurückgezogen.

Glybera konnte zwar die Krankheitssymptome lindern, von einer Heilung war die Therapie allerdings weit entfernt. Letztlich fand Glybera nur eine einzige Patientin – viel zu wenig für einen wirtschaftlichen Erfolg. Der Hersteller uniQure nahm daher Glybera im Oktober 2017 wieder vom Markt.

Auch manche aktuelle Gentherapien weisen eine begrenzte Wirkung aus. Die 2018 zugelassene Therapie Luxturna lindert eine angeborene Form der Erblindung, die Sehfähigkeit bleibt aber weiterhin stark eingeschränkt. CAR-T-Zelltherapien helfen meist nur der Hälfte der Behandelten. Zynteglo hingegen kann zwar die ß-Thalassämie fast vollständig heilen, ist aber nicht wirksamer als die seit langem etablierte Knochenmarktransplantation.

3. Hohe Kosten erschweren die Anwendung

Die Wirksamkeit mag zwar manchmal begrenzt sein, die Kosten sind allerdings immer sehr hoch. Schon Glybera kratzte im Jahr 2012 an der Grenze von einer Million Euro, heute kostet Zolgensma für die Therapie der spinalen Muskelatrophie gut das Doppelte. Als Rechtfertigung der hohen Preise wird oft angeführt, dass Gentherapien langfristig Kosten sparen. Das ist zwar meist richtig, aber die Kosten werden auf einen Schlag fällig: Dabei entstehen kurzfristig hohe finanzielle Belastungen, für die unser Gesundheitssystem nicht ausgelegt ist6.

Neue Finanzierungsmodelle sollen Abhilfe schaffen, etwa die Verteilung der Kosten über mehrere Jahre oder eine erfolgsabhängige Bezahlung7. Doch dies allein scheint das Problem nicht zu lösen, wie ein jüngstes Beispiel zeigt: Erst im Juli 2021 hat die US-Firma Bluebird Bio beschlossen, seine Gentherapien Zynteglo und Skysona vom europäischen Markt zurückzuziehen8. Die Firma konnte sich nicht mit den Kassen auf einen Preis einigen.

Die Kosten werden auch auf absehbare Zeit sehr hoch bleiben, da sich bislang alle Anwendungen auf seltene Erbkrankheiten und aggressive Krebsformen beschränken. Unter diesen Erkrankungen leiden nur wenige Patienten, die dann die gesamte Last der Entwicklungskosten schultern müssen.

Günstiger werden Gentherapien wohl erst, wenn sie aus ihren Nischen herauskommen: Mit der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Morbus Parkinson oder häufigen Krebsformen könnten die Therapien auch der Medizin insgesamt einen größeren Stempel aufdrücken. Doch auf diesen Gebieten steht die Entwicklung auch nach 30 Jahren intensiven Bemühens noch am Anfang. Die vor Jahrzehnten angekündigte Revolution der Medizin wird noch einige Zeit auf sich warten lassen.

1 High und Roncarolo, Gene Therapy, N Engl J Med, August 2019 (Link)
2 Deutsches Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften, Somatische Gentherapie: Medizinisch-Naturwissenschaftliche Aspekte, Stand November 2020 (Link)
alle Referenzen anzeigen 3 J. Wilson, A History Lesson for Stem Cells, Science 2009, vol. 324, pp. 727-8 (Link)
4 C. Arnold, Record number of gene-therapy trials, despite setbacks, Nature Medicine, August 2021 (Link)
5 Deutsches Ärzteblatt, Adrenoleukodystrophie: FDA stoppt Studie zu einer in Europa bereits zugelassenen Gentherapie, August 2021(Link)
6 Quinn et al., Estimating the Clinical Pipeline of Cell and Gene Therapies and Their Potential Economic Impact on the US Healthcare System, Value in Health, Juni 2019 (Link)
7 Gene therapies should be for all, Nature Medicine, August 2021 (Link)
8 J. Bell, Bluebird to wind down business in Europe amid gene therapy struggles, BioPharmaDive, August 2021 (Link)

Wie wirkt eine Gentherapie?

Ein Virus schleust fehlerfreie Gene in Körperzellen ein und korrigiert Fehler im Erbgut
Korrigierter Fehler: Erbkrank­heiten sind behandelbar, wenn ein fehlerfreies Gens eingeschleust wird. Viren leisten dabei unverzichtbare Hilfe.

Studien mit Gentherapien

Zwischen 1989 und 2020 wurden über 3000 Gentherapie-Studien durchgeführt
Zugelassene Gentherapie-Studien 1989-2020 (Quelle: The Journal of Gene Medicine)

Gentherapie

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Gentherapie

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Kurz und knapp

  • Gentherapien heilen Erbkrankheiten durch das Einschleusen einer fehlerfreien Genkopie
  • neun Gentherapien sind in Europa für seltene Erbkrankheiten und Blutkrebs zugelassen
  • Genfähren können Entzündungsreaktionen oder Krebs auslösen
  • einige Gentherapien bringen eher Linderung statt Heilung
  • hohe Kosten erschweren eine breite Anwendung
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