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Einlagern von Nabelschnurblut: Die Kosten wert?

Nabelschnurblut könnte in Zukunft das eigene Kind schützen – sagen private Nabelschnurbanken. Einige Ärzte halten dagegen, dass es bislang kaum Anwendungen gibt.

Einlagerung von Nabelschnurblut

Nabelschnurblut-Stammzellen helfen leukämiekranken Kindern, aber auch erwachsenen Patienten
Nabelschnurblut-Stammzellen lassen sich jahrzehntelang in flüssigem Stickstoff einfrieren.

Tausende Menschen leben noch, weil sie Nabelschnurblut von einem passenden Spender erhalten haben. Die darin enthaltenen Stammzellen sind oft die letzte Hoffnung bei hartnäckigem Blutkrebs. Öffentliche Banken können aber nur einen Bruchteil des wertvollen Bluts einlagern: Chronischer Geldmangel setzt ihren Möglichkeiten enge Grenzen.

Eine Alternative bieten private Nabelschnurblutbanken. Sie verfügen über deutlich mehr Lagerkapazität und können nahezu jede Blutprobe einlagern. Die Kosten müssen jedoch die Eltern selbst tragen.

Doch wie sinnvoll ist die private Einlagerung von Nabelschnurblut? Die Ansichten von Anbietern und Ärzten dazu liegen oft weit auseinander1. Das ist auch eine Frage der Perspektive: Ärzte blicken auf die Gegenwart, private Anbieter schauen in die Zukunft.

Inhalte

 

1. Was ist Nabelschnurblut?

1.1. Austausch zwischen Mutter und Fetus

Das ungeborene Kind erhält alle lebenswichtigen Nährstoffe von der Mutter. Der Transport dieser Stoffe erfolgt über das Blut, mit der Plazenta als zentralem Verbindungspunkt. Eine Barriere – die „Plazentaschranke‟ – verhindert jedoch den direkten Kontakt zwischen mütterlichem und fetalem Blut.

Der Fetus verbindet sich über die Nabelschnur mit der Plazenta. Die Nabelschnur umhüllt eine Arterie und zwei Venen, in denen ausschließlich das Blut des Kindes fließt. Nach der Geburt bleibt eine Restvolumen in der Plazenta und der Nabelschnur zurück. Dieses wird als Nabelschnurblut oder Plazentarestblut bezeichnet.

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1.2. Mehrere Arten von Stammzellen

Zwischen dem Blut von Neugeborenen und Erwachsenen gibt es einen wichtigen Unterschied: Das kindliche Blut enthält deutlich größere Mengen an wachstumsfreudigen Stammzellen. Für die Medizin sind dabei besonders die Blutstammzellen interessant, die auch als hämatopoetische Stammzellen bezeichnet werden. Aus ihnen können alle Arten von Blutzellen hervorgehen.

Das Nabelschnurblut enthält mindestens noch zwei weitere Stammzellarten. Dazu zählen mesenchymale Stammzellen, aus denen Zellen des Bindegewebes entstehen können. Noch geringer ist die Zahl der endothelialen Vorläuferzellen: Aus ihnen können sich Zellen entwickeln, die das Innere von Blutgefäßen auskleiden.

1.3. Einlagerung der Nabelschnurzellen

Direkt nach der Geburt enthalten Nabelschnur und Plazenta noch etwa 200 Milliliter kindliches Blut. Hebammen und Ärzte lassen dann etwas Zeit für das „Auspulsieren‟: Dabei gelangt noch ein Teil des Restbluts in den Körper des Neugeborenen. Mit der Abnabelung wird das Auspulsieren gestoppt. Ein gesundes Kind verkraftet es in der Regel gut, wenn ein Teil des Restbluts in der Nabelschnur verbleibt3.

Erfolgt die Abnabelung innerhalb von ein bis zwei Minuten, können meist noch 60 bis 100 Milliter Nabelschnurblut gewonnen werden. Dazu wird eine Kanüle in eine Nabelschnurvene eingebracht, über die das Blut in einen Sammelbeutel fließt. Die Blutzellen können dann viele Jahre lang tiefgefroren gelagert werden.

2. Welche Vorteile hat Nabelschnurblut?

Die erste erfolgreiche Transplantation von Blutstammzellen gelang im Jahr 1969. In den ersten Jahren stammten die Zellen in der Regel aus dem Knochenmark. Mittlerweile werden die Stammzellen meist aus dem Blut gewonnen. Das Nabelschnurblut bietet dabei zahlreiche Vorteile1:

2.1. Jung und unbelastet

Die Zellen im Nabelschnurblut sind noch sehr jung. In ihrem Erbgut haben sich daher kaum Schäden angesammelt. Sie wachsen auch sehr schnell und lassen sich leicht vermehren.

Die Erfahrung zeigt zudem, dass sich Zellen aus dem Nabelschnurblut toleranter verhalten. Bei einer Fremdspende greifen sie das Körpergewebe des Empfängers seltener an.

2.2. Leicht zugänglich

Stammzellen aus der Nabelschnur sind leicht zugänglich. Die Hebamme kann das Nabelschnurblut direkt nach der Geburt in einem Sammelbeutel auffangen.

Für Mutter und Kind ist das vollkommen schmerzfrei. Zwar gelangt dadurch etwas weniger Blut in den Körper des Neugeborenen, für ein gesundes Kind stellt dies jedoch keine ernste Gefahr dar.

2.3. Lange lagerbar

Die Zellen im Nabelschnurblut können mit einem bewährten Verfahren eingefroren werden. Die Lagerung erfolgt in Behältern mit flüssigem Stickstoff bei Temperaturen von bis zu -196 °C.

So können die Blutstammzellen Jahrzehnte überdauern, ohne ihre Wachstumsfähigkeit zu verlieren. Bei Bedarf sind sie dann jederzeit verfügbar.

3. Bei welchen Krankheiten wird Nabelschnurblut bereits eingesetzt?

Im Jahr 1988 nutzten Ärzte erstmals die Fähigkeiten der Nabelschnurblut-Stammzellen. Seitdem wurden mehr als 60 000 Spenden zur Behandlung von rund 80 Krankheiten eingesetzt. Die Zellen aus der Nabelschnur sind heute ein fester Bestandteil der Medizin.

Beim überwiegenden Teil der Behandlungen kamen die gespendeten Nabelschnurzellen einem anderen Menschen zugute. Dieser Einsatz wird als Fremdspende oder allogene Spende bezeichnet. Deutlich seltener erfolgte eine Eigenspende oder autologe Spende. Dabei gelangen die gespendeten Zellen zu einem späteren Zeitpunkt zurück in den Körper des ursprünglichen Spenders.

3.1. Einsatz von Fremdspenden (allogenen Spenden)

Nabelschnurblut kommt vor allem bei der Behandlung von Krebs und Erbkrankheiten zum Einsatz. In der Regel ist dies jedoch nur möglich, wenn die Stammzellspende von einer anderen Person stammt.

Erbkrankheiten werden bislang ausschließlich durch die Transplantation körperfremder Zellen behandelt, da körpereigene Zellen das gleiche Erbgut und somit auch den gleichen Gendefekt tragen.

Bei der Therapie von Krebs dient Nabelschnurblut in der Regel dazu, das Blutsystem nach einer Chemotherapie oder Bestrahlung neu aufzubauen. Auch hier sind Spenderzellen von anderen Personen meist besser geeignet, da sie zusätzlich die Immunantwort gegen den Tumor unterstützen können. Zudem besteht bei körpereigenen Zellen das Risiko, dass sie bereits Vorläufer von Blutkrebs enthalten.

Die allogene Spende von Nabelschnurblut-Stammzellen wird daher häufig bei folgenden Erkrankungen eingesetzt:

  • Leukämien und Lymphome
  • erbliche Stoffwechselerkrankungen
  • erbliche Immunschwäche
  • erbliche Blutbildungsstörungen

3.2. Einsatz von Eigenspenden (autologen Spenden)

Eigenspenden werden nur sehr selten verwendet, da sie für die Therapie von Krebs- und Erbkrankheiten in der Regel nicht geeignet sind4.

Bei der Behandlung von frühkindlicher Leukämie ist eine Eigenspende meist nur sinnvoll, wenn kein anderer passender Spender gefunden wird. Zudem muss zuvor getestet werden, ob das körpereigene Nabelschnurblut bereits Vorläufer der Leukämie enthält.

Eigenspenden spielen daher vor allem in der medizinischen Forschung eine Rolle. Ärzte testen dabei die Anwendung von Nabelschnurblutzellen bei Erkrankungen wie Zerebralparese.

4. An welchen Therapien wird geforscht?

Forscher haben zahlreiche Studien gestartet, um neue Anwendungsmöglichkeiten von Nabelschnurblut zu testen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Behandlung von frühkindlichen Hirnschädigungen (Zerebralparese) und anderen entzündlichen Erkrankungen.

Auch ein Einsatz bei der Gentherapie oder der iPS-Zelltechnologie wäre möglich. Stammzellen aus dem Nabelschnurblut sind für beide Anwendungen gut geeignet.

Doch für die Medizin ist die Nabelschnur nicht nur wegen des Bluts interessant. Es ist auch möglich, Stammzellen aus dem Stützgewebe der Nabelschnur oder der Plazenta einzulagern. Diese mesenchymalen Zellen sind sehr wandlungsfähig und könnten bei der Regeneration von Organen und der Behandlung von Immunstörungen helfen.

5. Wer lagert Nabelschnurblut ein?

Nabelschnurblut wird in spezialisierten „Banken‟ gelagert, die zu öffentlichen Kliniken oder privaten Anbietern gehören1. Nach deutschem Recht gelten diese Nabelschnurblutbanken als Arzneimittelhersteller. Ihre Tätigkeit unterliegt strengen Auflagen, deren Einhaltung von den Behörden regelmäßig überprüft wird.

Hinsichtlich der Qualität unterscheiden sich öffentliche und private Banken daher kaum. Erhebliche Unterschiede bestehen jedoch bei der Verfügbarkeit der Spenden und der Übernahme der Kosten.

Öffentliche Spende

Wer Nabelschnurblut in einer öffentlichen Bank einlagert, muss die Kosten dafür nicht selbst tragen. Er hat allerdings auch keinen Anspruch darauf, das gespendete Blut für sich selbst zu nutzen. Im Falle einer schweren Erkrankung kann er selbstverständlich eine Nutzung anfragen. Diese ist jedoch nur möglich, wenn die Spende noch nicht an eine andere Person abgegeben wurde.

Öffentliche Banken treffen zudem eine strenge Auswahl. Die Spenden müssen eine Mindestanzahl an Zellen vorweisen, damit eine Einlagerung in Betracht gezogen wird. Letztlich werden 9 von 10 Nabelschnurblut-Spenden wieder verworfen und deutschlandweit nur wenige hundert Proben pro Jahr eingelagert3.

In Deutschland gibt es zwei öffentliche Nabelschnurblutbanken: die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) in Dresden und die José Carreras Stammzellbank in Düsseldorf. Die Banken arbeiten mit etwas mehr als 40 Geburtskliniken zusammen.

Private Einlagerung

Private Nabelschnurbanken ermöglichen die Einlagerung für den eigenen Bedarf. Die eingefrorenen Zellen bleiben während der gesamten Vertragsdauer verfügbar und können dem eigenen Kind zugute kommen. Wenn eine Prüfung der Gewebemerkmale positv ausfällt, ist auch ein Einsatz bei erkrankten Familienmitgliedern möglich. Es besteht auch die Option, die Spende in ein öffentliches Register einzutragen und nach Rücksprache freizugeben.

Für die Kosten muss die Familie des Spenderkinds allerdings selbst aufkommen. Deren Höhe hängt auch davon ab, wieviele das Nabelschnurblut aufbewahrt werden soll.

In Deutschland gibt es eine private Nabelschnurblutbank, die in Leipzig ansässig ist. Sie arbeitet bundesweit mit über 500 Geburtskliniken zusammen.

6. Fazit – Der Nutzen hängt auch vom medizinischen Fortschritt ab

Die Spende von Nabelschnurblut kann Leben retten. Doch die Einlagerung der wertvollen Zellen wird nicht vom Staat unterstützt. Öffentliche Nabelschnurblutbanken leiden daher unter chronischem Geldmangel und nehmen kaum noch Spenden an. Jährlich werden nur noch wenige hundert Blutproben eingelagert – angesichts der etwa 600 000 Geburten in Deutschland eine verschwindend geringe Zahl.

Bei privaten Nabelschnurblutbanken ist die Einlagerung hingegen jederzeit möglich. Die Kosten tragen die Familien allerdings selbst. Die Spende könnte dann aber nicht nur dem eigenen Kind helfen, sondern unter Umständen auch einem anderen Familienmitglied. Zudem ist ein Eintrag in öffentliche Spendenregister möglich.

Zum Glück ist es sehr unwahrscheinlich, dass ein Kind in den ersten Lebensjahren eine Behandlung mit Nabelschnurblut benötigt. Es ist jedoch denkbar, dass in Zukunft weitere Anwendungsmöglichkeiten für die eingelagerten Zellen entdeckt werden. Die Medizin forscht intensiv auf diesem Gebiet, die Erfolgschancen sind allerdings noch nicht absehbar.

Daher ist es schwer, eine klare Empfehlung für oder gegen die Einlagerung von Nabelschnurblut zu geben. Die Entscheidung kann nur individuell getroffen werden. Sie hängt stark von den persönlichen und familiären Umständen ab. Und auch davon, wie viele zukünftige Fortschritte man der Medizin zutraut.

1 Surbeck et al., Nabelschnurblut-Stammzelleinlagerung öffentlich – privat/familiär – hybrid, Expertenbrief No 87, Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, April 2024 (Link)
2 Bień et al., Cord blood banking: Balancing hype and hope in stem cell therapy, European Journal of Midwifery, Oktober 2024 (Link)
alle Referenzen anzeigen 3 Deutsches Ärzteblatt, Nabelschnurblutspenden in Deutschland rückläufig, Relevanz könnte zunehmen, Januar 2024 (Link)
4 Passweg et al., Hematopoietic cell transplantation and cellular therapies in Europe 2022. CAR-T activity continues to grow; transplant activity has slowed: a report from the EBMT, Bone Marrow Transplantation, Juni 2024 (Link)

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Kurz und knapp

  • Stammzellen aus dem Nabelschnurblut sind leicht zu gewinnen, weitgehend frei von Umweltschäden und sehr vermehrungsfreudig
  • Nabelschnurblut kann jahrzehntelang gelagert werden und Zellen aus dem Knochenmark ersetzen
  • gegenwärtige Therapien basieren oft auf körperfremden Stammzellen
  • öffentliche Banken lagern nur noch wenige Proben ein
  • private Banken ermöglichen Eigenspenden, die Kosten müssen aber selbst getragen werden
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