Nabelschnurblut für Erwachsene - Vermehrung macht Fortschritte

Nabelschnurblut hilft Erwachsenen, die an Blutkrebs leiden - jedoch nur, wenn gleich zwei Spender zur Verfügung stehen. Forscher versuchen daher, die Stammzellen der Nabelschnur im Labor zu vermehren.

Nabelschnurblut enthält nur wenige Stammzellen - für die Behandlung von Erwachsenen reicht das oftmals nicht aus. Um den Mangel auszugleichen, greifen Ärzte seit einigen Jahren auf eine Notlösung zurück: Erwachsene Patienten, die an Blutkrebs leiden, erhalten das Nabelschnurblut von zwei Spendern. Doch durch den Einsatz der doppelten Menge halbiert sich auch die Zahl der Spenden, die weiteren Patienten das Leben retten könnten.

Stammzellen im Nabelschnurblut

Viel mehr Patienten könnten profitieren, wenn sich die Stammzellen der Nabelschnur vermehren ließen1. Im Grunde ist das problemlos möglich, denn die Zellen aus dem Nabelschnurblut wachsen leicht und schnell zu großen Mengen heran. Doch ein großes Problem zeigt sich, wenn Patienten behandelt werden: Die Zellen wachsen zwar in den ersten Wochen gut an, verschwinden dann jedoch langsam aus dem Körper2. Eine dauerhafte Therapie war mit diesen Zellen bislang nicht möglich.

Erste Tests in der Klinik

Die Arbeit zweier Biotechfirmen gibt jedoch Anlass zur Hoffnung. In Israel hat das Unternehmen Gamida Cell ein Verfahren entwickelt, das die Nabelschnurblut-Stammzellen nicht nur vermehrt, sondern auch eine dauerhafte Transplantation ermöglicht. Unter dem Namen Omidubicel wurde dieses Präparat an 36 Patienten mit schweren Bluterkrankungen getetstet3. Im Vergleich zu unbehandelten Nabelschnurblut-Spenden führte Omidubicel zu einer beschleunigten Regenerierung der Blutzellen und einer leicht erhöhten Überlebensrate.

In den USA nutzt die Firma Magenta Therapeutics eine anderen Ansatz, um Nabelschnurblutzellen zu vermehren. In einer älteren Studie haben sich diese Stammzellen (vorläufiger Name MGTA-456) in elf von insgesamt siebzehn Patienten durchgesetzt4. Eine jüngere Studie mit fünf Patienten zeigte ebenfalls begrenzte Erfolge (allerdings kam es auch zu einem Todesfall) 5.

Was ist der Grund für diese Erfolge? Die Forscher vermuten, dass die Nabelschnur zwei Varianten von Blutstammzellen enthält. Die erste Variante wächst schnell: Sie erneuert rasch das Immunsystem und schützt den geschwächten Patienten vor Infektionen. Diese Zellen sorgen dafür, dass der Patient die kritische Phase nach der Transplantation gut übersteht. Doch für den dauerhaften Erfolg braucht es langsam wachsende Zellen. Diese setzen sich im Knochenmark fest und überleben fast unbegrenzt - alle Blutzellen des Körpers werden dann lebenslang erneuert.

Weitreichende Auswirkungen

Zuvor sind alle Therapie-Versuche vermutlich fehlgeschlagen, weil sich nur die schnell wachsenden Zellen vermehrt haben - und diese verschwinden bald wieder aus dem Körper. Mit den neuen Methoden von Gamida und Magenta ist es jedoch offenkundig möglich, auch die langsam wachsenden Zellen zu vermehren. Und das erklärt die Erfolge bei der Transplantation.

Die Auswirkungen wären weitreichend. Wenn künftig eine Spende für die Therapie ausreicht, könnte doppelt so vielen erwachsenen Blutkrebs-Patienten geholfen werden. Zudem müssten Spenden, die weniger als 1 Milliarde Zellen enthalten, nicht mehr verworfen werden (in den öffentlichen Nabelschnurbanken eine gängige Praxis).

Nabelschnurblut - Heilen mit Stammzellen
Lohnt es sich, das Nabelschnurblut auf eigene Kosten einzulagern? Dieser Ratgeber informiert über Chancen und Probleme

Zum Ratgeber

Die Kosten einer Transplantation würden zwar vermutlich steigen, da die Pharmafirmen erfahrungsgemäß eine gute Entlohnung ihrer Dienste erwarten. Doch gleichzeitig könnte auch eine Nabelschnur-Spende eingespart werden, und deren Preis ist ebenfalls nicht zu vernachlässigen: In den USA sollen die Kosten für eine Spende zwischen 34 000 und 59 000 US-Dollar liegen1. In Deutschland sind sie wohl nur unwesentlich billiger.

Dennoch ist es für eine Euphorie zu früh. Noch ist keine der Therapien zugelassen, auch wenn die Entwicklung bei Gamida und Magenta auf Hochdruck läuft. Insgesamt acht weitere klinische Studien laufen gerade, die Ergebnisse werden zwischen 2019 und 2024 erwartet.

Eine Folge könnte sich jedoch schon früher bemerkbar machen: Die Einlagerung von eigenem Nabelschnurblut bei privaten Anbietern wäre deutlich attraktiver. Einer der wichtigsten Kritikpunkte war bislang, dass sich diese Zellen nicht für die Behandlung von Erwachsenen eignen. Wenn sich jedoch bestätigt, dass Nabelschnurblut erfolgreich vermehrt werden kann, ist dieser Einwand hinfällig. Das eigenen Nabelschnurblut könnte dann lebenslang bei der Therapie von Blutkrebs helfen.

1 Lund et al., Advances in umbilical cord blood manipulation - from niche to bedside, Nat. Rev. Clin. Oncol. März 2015 (Link)
2 Sideri et al., An overview of the progress on double umbilical cord blood transplantation, Haematologica August 2011 (Link)
alle Referenzen anzeigen 3 Horwitz et al., Phase I/II Study of Stem-Cell Transplantation Using a Single Cord Blood Unit Expanded Ex Vivo With Nicotinamide., Journal of Clinical Oncology, Februar 2019 (Link)
4 Wagner et al., 728 StemRegenin-1 (SR1) Expansion Culture Abrogates the Engraftment Barrier Associated with Umbilical Cord Blood Transplantation (UCBT), 56th ASH Annual Meeting Dezember 2014 (Link)
4 P. Knoepfler, Magenta Therapeutics Good News-Bad News Trial Data, The Niche, November 2018 (Link)

Nabelschnurblut - Heilen mit Stammzellen
Lohnt sich die Einlagerung?

Zum Ratgeber

Stammzellen im Nabelschnurblut

Therapie von Blutkrebs: Damit ein Patient die Transplantation überlebt, müssen Stammzellen aus dem Nabelschnurblut schnell Immunzellen bilden, aber auch langfristig das ganze Blutsystem regenerieren

Kunstdrucke- Anzeige -

Kunstdrucke und Naturfotografie von Jens Rosbach

Naturfotografie auf jensrosbach.de

Mehr...

  • Nabelschnurblut einfrieren: Pro und Contra mehr...
  • Stammzellen aus Nabelschnurblut: Anwendung in der Therapie mehr...
  • Einlagern von Nabelschnurblut: Die Kosten wert? mehr...
  • Nabelschnurblut spenden: Öffentliche oder private Banken? mehr...
  • Nabelschnurblut: Stammzellen für jede Gelegenheit? mehr...
  • Wie die Nabelschnur das Kind versorgt mehr...
  • Nabelschnurblut unterstützt die Therapie von Blutkrebs mehr...
  • Nabelschnurblut hilft vermutlich nicht bei Diabetes mehr...
  • Nabelschnurblut und Autismus - ein fragwürdiger Ansatz mehr...
  • Nabelschnurblut bei Zerebralparese - der mögliche Durchbruch mehr...
  • Nabelschnurblut heilt Erbkrankheiten - Anämien und Immunschwächen mehr...
  • iPS-Zellen aus Nabelschnurblut - Option für die Zukunft? mehr...

zellstoff - der Blog

3. Juli 2019
Syn61 – synthetisches Bakterium mit reduziertem Code
Das „Arbeitspferd“ der Molekularbiologie erhält ein neues Erbgut. Drei Stellen im genetischen Code sind nun frei und bieten Raum für ungewöhnliche Proteine.
mehr...

Kurz und knapp

  • bislang werden erwachsene Blutkrebs-Patienten mit zwei Nabelschnurblut-Spenden behandelt
  • einige Methoden können die Stammzellen im Nabelschnurblut vermehren
  • doch erst zwei neue Methoden erzeugen dabei Stammzellen, die lange im Körper überleben
  • weitere Versuche sind notwendig, um deren Nutzen für die Therapie zu untermauern
OK

Diese Website verwendet Cookies, um Inhalte und Nutzererfahrung zu verbessern.    Info