Nabelschnurblut für Erwachsene - Vermehrung vor dem Durchbruch?

   

Nabelschnurblut hilft Erwachsenen, die an Blutkrebs leiden - jedoch nur, wenn gleich zwei Spender zur Verfügung stehen. Forscher versuchen daher, die Stammzellen der Nabelschnur im Labor zu vermehren. Ein Durchbruch scheint nahe.

Nabelschnurblut enthält nur wenige Stammzellen - für die Behandlung von Erwachsenen reicht das oftmals nicht aus. Um den Mangel auszugleichen, greifen Ärzte seit einigen Jahren auf eine Notlösung zurück: Erwachsene Patienten, die an Blutkrebs leiden, erhalten das Nabelschnurblut von zwei Spendern. Doch durch den Einsatz der doppelten Menge halbiert sich auch die Zahl der Spenden, die weiteren Patienten das Leben retten könnten.

Stammzellen im Nabelschnurblut

Viel mehr Patienten könnten profitieren, wenn sich die Stammzellen der Nabelschnur vermehren ließen1. Im Grunde ist das problemlos möglich, denn die Zellen aus dem Nabelschnurblut wachsen leicht und schnell zu großen Mengen heran. Doch ein großes Problem zeigt sich, wenn Patienten behandelt werden: Die Zellen wachsen zwar in den ersten Wochen gut an, verschwinden dann jedoch langsam aus dem Körper2. Eine dauerhafte Therapie war mit diesen Zellen bislang nicht möglich.

Der mögliche Durchbruch?

Zwei neue Studien geben jedoch Anlass zur Hoffnung. Die israelische Biotechfirma Gamida Cell hat ein Verfahren entwickelt, das die Nabelschnurblut-Stammzellen nicht nur vermehrt, sondern auch eine dauerhafte Transplantation ermöglicht. In Zusammenarbeit mit Joanne Kurtzberg, einer renommierten Expertin auf diesem Gebiet, wurden in einem ersten Test insgesamt elf Patienten behandelt3. Diese erhielten zwei Nabelschnurblut-Spenden - eine blieb unbehandelt, die andere wurde im Labor vermehrt. In acht Patienten sahen die Forscher den gewünschten Effekt: Erstmals hatten sich vermehrte Stammzellen in der Mehrzahl der Patienten durchgesetzt.

Die zweite Studie stammt von der US-Firma Magenta Therapeutics, die dazu mit John Wagner zusammen arbeitete, einem weiteren Pionier der Therapie mit Nabelschnurblut. Sie vermehrten die Stammzellen mit einer anderen Methode, doch die Ergebnisse waren ähnlich beeindruckend. In dieser Studie haben sich vermehrten Stammzellen in elf von insgesamt siebzehn Patienten durchgesetzt4. Zusätzlich wurden zwei Patienten sogar nur mit einer einzigen Spende behandelt, deren Stammzellen vermehrt wurden: Wenn man den ersten Eindrücken trauen darf, war auch dies erfolgreich.

Was ist der Grund für diese Erfolge? Die Forscher vermuten, dass die Nabelschnur zwei Varianten von Blutstammzellen enthält. Die erste Variante wächst schnell: Sie erneuert rasch das Immunsystem und schützt den geschwächten Patienten vor Infektionen. Diese Zellen sorgen dafür, dass der Patient die kritische Phase nach der Transplantation gut übersteht. Doch für den dauerhaften Erfolg braucht es langsam wachsende Zellen. Diese setzen sich im Knochenmark fest und überleben fast unbegrenzt - alle Blutzellen des Körpers werden dann lebenslang erneuert.

Weitreichende Auswirkungen

Zuvor sind alle Therapie-Versuche vermutlich fehlgeschlagen, weil sich nur die schnell wachsenden Zellen vermehrt haben - und diese verschwinden bald wieder aus dem Körper. Mit den neuen Methoden von Gamida und Magenta ist es jedoch offenkundig möglich, auch die langsam wachsenden Zellen zu vermehren. Und das erklärt die Erfolge bei der Transplantation.

Die Auswirkungen wären weitreichend. Wenn künftig eine Spende für die Therapie ausreicht, könnte doppelt so vielen erwachsenen Blutkrebs-Patienten geholfen werden. Zudem müssten Spenden, die weniger als 1 Milliarde Zellen enthalten, nicht mehr verworfen werden (in den öffentlichen Nabelschnurbanken eine gängige Praxis).

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Die Kosten einer Transplantation würden zwar vermutlich steigen, da die Pharmafirmen erfahrungsgemäß eine gute Entlohnung ihrer Dienste erwarten. Doch gleichzeitig könnte auch eine Nabelschnur-Spende eingespart werden, und deren Preis ist ebenfalls nicht zu vernachlässigen: In den USA sollen die Kosten für eine Spende zwischen 34 000 und 59 000 US-Dollar liegen1. In Deutschland sind sie wohl nur unwesentlich billiger.

Dennoch ist es für eine Euphorie zu früh. Noch ist keine der Therapien zugelassen, auch wenn die Entwicklung bei Gamida und Magenta auf Hochdruck läuft. Insgesamt acht weitere klinische Studien laufen gerade, die Ergebnisse werden zwischen 2019 und 2024 erwartet.

Eine Folge könnte sich jedoch schon früher bemerkbar machen: Die Einlagerung von eigenem Nabelschnurblut bei privaten Anbietern wäre deutlich attraktiver. Einer der wichtigsten Kritikpunkte war bislang, dass sich diese Zellen nicht für die Behandlung von Erwachsenen eignen. Wenn sich jedoch bestätigt, dass Nabelschnurblut erfolgreich vermehrt werden kann, ist dieser Einwand hinfällig. Das eigenen Nabelschnurblut könnte dann lebenslang bei der Therapie von Blutkrebs helfen.

1 Lund et al., Advances in umbilical cord blood manipulation - from niche to bedside, Nat. Rev. Clin. Oncol. März 2015 (link)
2 Sideri et al., An overview of the progress on double umbilical cord blood transplantation, Haematologica August 2011 (link)
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Kurz und knapp

  • bislang werden erwachsene Blutkrebs-Patienten mit zwei Nabelschnurblut-Spenden behandelt
  • einige Methoden können die Stammzellen im Nabelschnurblut vermehren
  • doch erst zwei neue Methoden erzeugen dabei Stammzellen, die lange im Körper überleben
  • weitere Versuche sind notwendig, um deren Nutzen für die Therapie zu untermauern