Ärzte testen Nabelschnur­gewebe für neue Therapien

   

Hunderte Studien testen das Potenzial mesenchymaler Stammzellen für die Medizin. Seit einigen Jahren nutzen Forscher dabei auch Zellen, die aus dem Gewebe der Nabelschnur stammen.

Nabelschnurblut hat sich in den letzten 25 Jahren einen festen Platz in der Medizin erobert. Nun erregt eine weitere Art junger Stamm­zellen die Aufmerksamkeit der Ärzte: Das Bindegewebe der Nabelschnur enthält mesenchymale Zellen, deren Wachstumsfreude und Wandlungsfähigkeit für die Therapie genutzt werden sollen.

Mesenchymale Stammzellen

Etwa 700 klinische Studien wurden oder werden noch mit mesenchymalen Stammzellen durchgeführt. Meist stammen die Zellen aus dem Knochenmark, doch seit 2008 gewinnt auch das Gewebe der Nabelschnur an Bedeutung. Mittlerweile nutzt eine von fünf Studien diese Quelle.

Ein Schwerpunkt dieser Studien liegt auf der Regeneration von lebens­wichtigen Organen, die durch Infarkte oder chronische Erkrankungen schwere Schäden erlitten haben. Konventionelle Therapien gelangen hier schnell an ihre Grenzen: Sind die Schäden zu weit voran­geschritten, hat eine Behandlung mit Medikamenten kaum noch Aussicht auf Erfolg. Organ-Trans­plantationen sind oft das Mittel der letzten Wahl, doch dieser Eingriff ist mit hohen Risiken verbunden. Zudem ist die Zahl der möglichen Spender in der Regel sehr begrenzt.

Mesenchymale Zellen bei Herzschwäche

Stammzelltherapien können hier eine Hilfe sein. Auch die Behandlung von Herzschwächen gehört zu den Kandidaten1: Mehr als 40 klinische Studien setzen auf mesenchymale Stammzellen, und einige davon nutzen das Nabelschnur­gewebe als Quelle.

In einer der größten Studien untersuchten chinesische Forscher 116 Patienten, deren Herztätigkeit nach einem Infarkt deutlich beeinträchtigt war. Die Infusion von Stammzellen aus der Nabelschnur fremder Spender erzielte dabei kleinere Erfolge: Nach 18 Monaten hatte sich die Pumpleistung des Herzens um etwa acht Prozent erhöht2.

Nabelschnurblut - Heilen mit Stammzellen
Lohnt es sich, das Nabelschnurblut auf eigene Kosten einzulagern? Dieser Ratgeber informiert über Chancen und Probleme

Zum Ratgeber

Der Erfolg blieb damit vermutlich zu klein, um den Patienten eine deutliche Erleichterung zu verschaffen. Dies ist ein grundsätzliches Problem: Laut der unabhängigen Cochrane Stiftung haben Stammzelltherapien bei Herz­schwächen zwar durchaus positive Effekte3, von einem Durchbruch sind sie aber noch weit entfernt. Auf diesem Gebiet besteht daher noch großer Forschungs­bedarf.

Behandlung von Leberschäden

Eine weiteres großes medizinisches Problem sind Schäden der Leber. Jahre­langer Alkohol­missbrauch oder sehr fett­reiche Ernährung können Zirrhosen hervorrufen, die kaum noch behandelbar sind. Stammzell­therapien bieten hier eventuell die Möglichkeit, die Entzündungsreaktion zu lindern und die Bildung von Narbengewebe zu hemmen. Allein zehn Studien mit insgesamt über tausend Patienten untersuchen das Potential der mesenchymalen Stammzellen aus der Nabelschnur4. Die Forschung ist aber noch in einer frühen Phase, aussagekräftige Ergebnisse werden noch einige Jahre auf sich warten lassen.

Ein weiterer großer Schwerpunkt der klinischen Studien liegt auf Störungen des Immunsystems. Unter manchen Umständen kann dies zu stark reagieren und chronische Entzündungen verursachen, oder sich sogar gegen den eigenen Körper wenden. Eine Behandlung derartiger Störungen ist oftmals kaum möglich. Mesenchymale Stammzellen können das Immunsystem beruhigen, und viele Forscher hoffen, diese Fähigkeit für neue Therapien zu nutzen.

Autoimmunkrankheiten

Ein Beispiel ist der systemische Lupus erythematodes: Diese Auto­immun­krankheit fällt durch rote Haut­aus­schläge im Gesicht auf, aber wesentlich schwer­wiegender ist, dass sie auch die Funktion wichtiger innerer Organe stört. Chinesische Forscher haben 40 Lupus-Patienten mit mesenchymalen Stammzellen behandelt, die aus der Nabelschnur fremder Spender stammten5. Die Ergebnisse waren gemischt: Bei etwa einem Drittel der Patienten gingen die Symptome deutlich zurück, bei einem anderen Drittel jedoch nur ein wenig. Das letzte Drittel hat gar nicht von der Behandlung profitiert. Zudem haben einige Patienten nach neun Monaten eine Rückfall erlitten - was darauf hindeutet, dass die Behandlung regelmäßig wiederholt werden müsste.

Komplikation nach einer Transplantation

Ein großes Problem ist auch die Graft-versus-Host-Reaktion: Sie entsteht nach einer Knochen­mark­transplantation, wenn das sich neu entwickelnde Immun­system den Körper des Empfängers angreift. Ein Teil dieser Patienten spricht nicht auf gängige Medikamente an, und ihre Überlebenschancen sind meist schlecht6. Über zwanzig klinische Studien haben versucht, die Reaktion mit mesenchymalen Stammzellen zu kontrollieren - und die Ergebnisse waren meist viel­versprechend. Eine kleine Studie mit nur zwei Teilnehmern in Taiwan hat untersucht, ob auch Zellen aus dem Nabelschnur­gewebe ein­gesetzt werden können: Auch hier ging es beiden Patienten nach der Behandlung wieder gut7.

Eigene Zellen oder fremder Spender?

Eine bislang ungeklärte Frage ist auch, wer der ideale Spender ist: Sind eigene (autologe) Stammzellen am besten geeignet, oder sollte man lieber auf fremde (allogene) Spender zurückgreifen? Autologe Spenden haben den Vorteil, dass die körpereigenen Zellen nicht abgestoßen werden. Zudem besteht nur ein geringes Risiko, ungewollt Erkrankungen zu übertragen. Allogene Produkte können jedoch in großen Mengen vorgefertigt werden, was die Wartezeiten deutlich verkürzt und vermutlich auch die Kosten senkt. Auch hier ist noch vieles offen: Die Frage nach dem geeigneten Spender wird sich wohl erst in einigen Jahren klären lassen.

Bei all den offenen Fragen verwundert es nicht, das bislang nur eine kommerzielle Therapie mit mesenchymalen Zellen zugelassen wurde: Unter dem Namen Prochymal (Kanada und Neuseeland) oder TemCell (Japan) werden Stamm­zellen aus dem Knochen­mark eingesetzt, um eine Graft-versus-Host-Reaktion bei Klein­kindern zu behandeln. Doch Forscher auf der ganzen Welt arbeiten daran, dass dies nicht die einzige Anwendung der wandlungsfähigen Stammzellen bleibt.

1 Corrao et al., New frontiers in regenerative medicine in cardiology: the potential of Wharton's jelly mesenchymal stem cells, Current Stem Cell Research & Therapy 2013 (link)
2 Gao et al., Intracoronary infusion of Wharton’s jelly-derived mesenchymal stem cells in acutemyocardial infarction: double-blind, randomized controlled trial, BMC Medicine 2015 (link)
alle Referenzen anzeigen...

Nabelschnurblut - Heilen mit Stammzellen
Lohnt sich die Einlagerung?

Zum Ratgeber

Mesenchymale Stammzellen

Hunderte Studien testen das Potential von mes­enchymalen Stammzellen in der Medizin, vor allem bei der Regeneration von Gewebe und bei Immun­störungen.

Mehr zum Thema Nabelschnur­blut

  • Nabelschnur­blut einfrieren: Pro und Contra
    mehr...
  • Stammzellen aus Nabelschnur­blut: Anwendung in der Therapie mehr...
  • Nabelschnur­blut: Stammzellen für jede Gelegenheit? mehr...
  • Wie die Nabelschnur das Kind versorgt mehr...
  • Nabelschnur­blut bei Zerebralparese - der mögliche Durchbruch mehr...
  • iPS-Zellen aus Nabelschnurblut - Option für die Zukunft? mehr...

Häufig besucht

zellstoff - der Blog

16. November 2018
Das „Gen für …“ ist tot. Es lebe der „polygenic score“!
Egal wo Forscher hinschauen: Kaum eine erbliche Eigenschaft wird durch ein einzelnes Gen geprägt. Oft sind hunderte genetische Faktoren beteiligt. Doch der polygenic score reduziert sie wieder auf eine einzige Zahl.
mehr...

Kurz und knapp

  • über 400 Studien testen mesenchymale Stammzellen für die Medizin
  • ein Schwerpunkt liegt auf der Regeneration geschädigter Organe
  • ein weiterer auf der Behandlung von Immunstörungen
  • Zellen aus dem Nabelschnur­gewebe erweisen sich als gut geeignet