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Gene Drive - drängende ethische Fragen

Der Gene Drive wirft ethische Fragen auf, deren Diskussion gerade erst begonnen hat.

Der Einsatz eines Gene Drive könnte weltweite Auswirkungen haben, die auch für nachfolgende Generationen noch spürbar sind. Selbst im besten Fall wird er unbeabsichtigte Nebenwirkungen haben, die das Leben vieler Menschen beeinträchtigen. Dies wirft eine grundsätzliche ethische Frage auf: Rechtfertigt der Nutzen, der wohl nur Wenigen zugute kommt, den möglichen Schaden, den die Allgemeinheit zu tragen hat?

Anopheles-Mücken übertragen Malaria. Haben wir das Recht, sie auszurotten? (Bild: J. D. Gathany, CDC)

Die Diskussion über diese Fragen hat erst in Ansätzen begonnen. Antworten fallen auch deshalb schwer, weil das Problem vielschichtig ist: Ein Gene Drive kann unterschiedliche Formen annehmen, und er kann unter unterschiedlichen Umständen zum Einsatz kommen.

Einen Leitfaden für die Diskussion bietet ein Aufsatz des US-Bioethikers Daniel Callies 1. Er hat sechs kritische Punkte beim Einsatz eines Gene Drive identifiziert und diese im Kontext von Malaria diskutiert. Grundsätzlich sind diese aber für jedes andere Einsatzgebiet relevant.

Viele Anwendungen, viele offene Fragen

1. Hybris - Selbstüberschätzung mit Folgen

Invasive Arten breiten sich weltweit aus und bedrohen einzigartige Tier- und Pflanzenarten. Oft wurden die Arten vom Menschen eingeschleppt, um kurzfristige Vorteile in der Landwirtschaft zu erzielen. Da der Mensch viele dieser ökologischen Krisen ausgelöst hat, könnte es gerechtfertigt sein, wenn er diese nun durch einen weiteren Eingriff wieder behebt2.

Da invasive Arten mit konventionellen Mitteln nur schwer zu bekämpfen sind, wird an vielen Orten über den Einsatz von Gene Drives nachgedacht. Dahinter steht die Vorstellung, dass der Mensch die Natur nach seinen Wünschen gestalten und lenken kann. Das kann jedoch eine erneute Selbstüberschätzung darstellen: Der Mensch wiederholt seinen ursprünglichen Fehler und ersetzt nur eine invasive Art durch eine andere.

2. Techno-Fix - der Weg des geringsten Widerstands

Ein Gene Drive könnte Schädlinge zurückdrängen und die Nahrungsquellen vieler Menschen sichern. Er folgt damit der Trend einer Landwirtschaft, die immer stärker auf industrielle Methoden setzt. Der Umbau der natürlichen Umwelt soll die Bedingungen für die Landwirtschaft optimieren und hohe Erträge sichern.

Alternative Ansätze wären eine Landwirtschaft und Form der Ernährung, welche die natürlichen Ressourcen nicht über Gebühr belasten. Dies wäre jedoch mit erheblichem Aufwand und großen Änderungen im Konsumverhalten verbunden. Der Gene Drive erspart der Gesellschaft diese schmerzvolle Anpassung: Ein problematisches Produktions- und Konsumverhalten wird mit Hilfe technischer Hilfsmittel aufrecht erhalten.

3. Umverteilung von Hilfsmaßnahmen

Viele unterentwickelte Länder benötigen Unterstützung aus dem Ausland, um die medizinische Versorgung ihrer Bevölkerung zu gewährleisten. Ein Gene Drive, der die Verbreitung von Malaria eindämmt, könnte erhebliche Kosten sparen und Mittel für die Lösung anderer dringender Probleme freisetzen.

Ob der Gene Drive diese Hoffnung erfüllen kann, wird sich erst in vielen Jahren zeigen. Doch es ist unklar, wie ausländische Geldgeber auf erste konkrete Pläne zur Einführung reagieren. Reduzieren sie die Finanzierung konventioneller Maßnahmen wie der Bereitstellung von Moskitonetzen, und leiten die Mittel in die Forschung über den Gene Drive um? Oder reduzieren sie gar die Finanzierung der konventionellen Malaria-Prävention? Beide Schritte wären zumindest kurzfristig eindeutig zum Nachteil der betroffenen Bevölkerung.

4. Beteiligung der Bürger - wer gehört zur Öffentlichkeit?

Die Ausschaltung von Anopheles-Mücken als Überträger von Malaria ist ein schwerer Eingriff, der nicht über die Köpfe der betroffenen Bevölkerung hinweg erfolgen kann. Das ist allgemeiner und unbestrittener Konsens. Doch wer zählt zur betroffenen Öffentlichkeit? Und wie sieht eine ausreichende Beteiligung aus?

In Afrika betrifft die Malaria ein Gebiet, das viele unterschiedliche Kulturen, Wirtschaftsformen und religiöse Überzeugungen umfasst. Es wäre eine große Herausforderung, die Teilnahme aller betroffenen Gruppen zu gewährleisten. Ein Verfahren hingegen, die nur ausgewählte Gemeinschaften oder soziale Schichten einschließt, könnte keine repräsentativen Aussagen liefern.

5. Lock in - Unterdrückung von Alternativen

Ein Gene Drive wird immer eine von mehreren Optionen sein, um ein Problem zu lösen. Da die Mittel für die Entwicklung neuer Technologien begrenzt sind, herrscht ein starker Konkurrenzdruck: Oft erhält die Methode, die zuerst eingeführt wird, auch einen Großteil der Ressourcen. Dieses Phänomen, Lock-In genannt, hat einer vielen suboptimalen Technologien zum Durchbruch verholfen.

Die frühe Einführung eines technisch unausgereiften Gene Drive wäre aus zwei Gründen problematisch. Zum einen behindert dies Fortentwicklung der Methode, die zu effizienteren, verträglicheren oder leichter beherrschbaren Gene Drives führen könnte. Und es bremst auch die Entwicklung von verträglichen Alternativen, die ohne schwerwiegende Eingriffe in die Umwelt auskommen.

6. Der Dammbruch

In neue Technologien wird oft viel Zeit und Mühe investiert, was zur Folge haben kann, dass diese ein Eigenleben entwickeln. Die Forschung führt rasch zum ersten Einsatz, und dieser zieht bald weitere Anwendungen nach sich. Technische Bedenken und ethische Zweifel, die am Anfang der Entwicklung noch präsent waren, können dabei in Vergessenheit geraten.

Bei der Diskussion um den Gene Drive steht meist die Bekämpfung von Malaria im Mittelpunkt: Die Aussicht auf Rettung zahlreicher Menschenleben gilt als Rechtfertigung höherer Risiken. Auf anderen Gebieten ist der Nutzen eines Gene Drive jedoch nicht so eindeutig, der Einsatz aber mit den gleichen Risiken behaftet. Der erste Einsatz eines Gene Drive für Malaria könnte dazu führen, den Weg für fragwürdige Anwendungen zu ebnen.

1 D. E. Callies, The ethical landscape of gene drive research, Bioethics 2019 (Link)
2 K. M. Esvelt, A community-guided genome editing project can fight Lyme disease, STAT 2019 (Link)
Anopheles-Mücken übertragen Malaria. Haben wir das Recht, sie auszurotten? (Bild: J. D. Gathany, CDC)

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