Induzierte pluripotente Stammzellen und Ethik: Zugriff auf die Keimbahn

   

iPS-Zellen sind ethisch unbedenklich - oder etwa nicht? Embryonen müssen zwar nicht vernichtet werden, aber die (Horror-)Vision vom genmanipulierten Menschen ist in greifbare Nähe gerückt.

Shinya Yamanaka, Nobelpreisträger und Pionier der iPS-Zellen, warnte schon früh vor ethischen Problemen. Er erkannte, dass die Technologie der künstlichen Befruchtung in eine neue Dimension vorstößt, wenn Keimbahnzellen aus menschlichen iPS-Zellen erschaffen werden1. Bei Mäusen ist das bereits Realität: Ei- und Spermazellen aus dem Labor erzeugten gesunde und fruchtbare Nachkommen2,3.

Chimären aus iPS-Zellen

Gelingt dies auch beim Menschen, können kinderlose Paare neue Hoffnung schöpfen. Doch das eigene Erbgut wird damit frei verfügbar: Ohne seine Zustimmung, ja sogar ohne sein Wissen könnten Eizellen oder Spermien eines jeden Menschen erzeugt werden. Egal ob er einen Tag alt ist oder hundert Jahre. Oder bereits verstorben.

Mischwesen

Folgende Szenarien könnten Realität werden: Eine Ehefrau, deren Mann bei einem Unfall das Leben verlor, möchte noch von ihm schwanger werden. Oder Eltern, deren einziges Kind früh verstarb, wünschen sich posthum einen Enkel. In der Zukunft ist das vielleicht nur noch eine Frage des Geldes.

Robert Lanza, ein anderer prominenter Stammzellforscher, warnt vor einer weiteren Gefahr. Da iPS-Zellen vergleichs­weise einfach herzustellen sind, ist eine Kontrolle fast unmöglich. Jedes halbwegs gut ausgestattete Labor dieser Welt kann sie produzieren und tun, was keinem seriösen Forscher in den Sinn käme: iPS-Zellen in einen Embryo einbauen und eine menschliche Chimäre erzeugen - ein Zwitterwesen aus zwei unterschiedlichen Individuen4. In der Maus ist das bereits problemlos möglich5.

Tatsächlich plant ein japanischer Wissenschaftler, Chimären aus Mensch und Schwein zu erzeugen, um damit Diabetes zu behandeln. In mutierten Schweinen, die keine eigene Bauchspeicheldrüse ausbilden, sollen iPS-Zellen die Lücke füllen und eine Drüse nur aus menschlichen Zellen bilden; diese könnten dann für eine Trans­plantation verwendet werden. In Maus/Ratte-Chimären waren dies bereits erfolgreich, und eine japanische Ethik-Kommission hat schon ihre Zustimmung signalisiert6.

Klone

Das Klonschaf Dolly weckte die Angst davor, dass menschliche Individuen bald beliebig vervielfältigt werden könnten. Doch die zugrunde liegende Technik war zu aufwändig und wurde selbst von ihrem Erfinder aufgegeben. Jetzt ist dieses Thema - von der Öffentlichkeit unbemerkt - wieder brandaktuell: Die Klonierung von Mäusen mit Hilfe von iPS-Zellen ist bereits Wirklichkeit.

Grundsätzlich wäre diese Technik auch beim Menschen anwendbar. Die Gesetzgebung vieler Länder (einschließlich mancher amerika­nischer Bundesstaaten) hat aber auf diese Entwicklung noch nicht reagiert7: Das reproduktive Klonen von Menschen wäre im Augenblick noch nicht einmal illegal.

Und was noch dazu kommt: Die moderne Gentechnik erlaubt es, das Genom von Zellen auf vielerlei Weise zu mani­pulieren. Und wenn eine manipulierte iPS-Zelle Teil der Keimbahn wird, werden die veränderten Erbinformationen an die nächsten Generationen weiter gegeben. Der Genpool der Menschheit könnte so um beliebige Varianten erweitert werden.

Die öffentliche Debatte konzentriert sich bislang auf die Vernichtung von menschlichen Embryonen. Doch die Stammzell-Technologie wird unsere ethischen Grenzen noch weiter verschieben. Gesellschaft und Politik sollten auf die Appelle der Wissenschaftler hören und rasch verbindliche Regeln aufstellen. Um Missbrauch zu verhindern und trotzdem medizinischen Fortschritt duch eine ethisch verantwortungs­volle Forschung zu ermöglichen.

1 S. Yamanaka im Interview mit dem ORF, 21.8.08 (link)
2 Hayashi et al., Cell (2011) vol. 146, pp 519-32 (link)
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Chimären aus iPS-Zellen

iPS-Zellen machen es möglich, Mensch-Mensch Chimären zu erschaffen oder Kinder aus im Labor produzierten Keimbahnzellen zu erzeugen.

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