Embryonale Stammzelltherapien – Vorteile und Nachteile

Sie geben Hoffnung auf neue Therapien, tragen aber eine schwere ethische Bürde: Embryonale Stammzellen sind untrennbar mit der Zerstörung menschlicher Embryonen verbunden.

Embryonale Stammzelltherapie

Embryonale Stammzellen stammen aus Blastozysten

Über 20 klinische Studien erproben embryonale Stammzellen bei Krankheiten, die mit konventionellen Therapien kaum zu heilen sind1. Das medizinische Potenzial dieser Zellen ist unbestritten. Anderseits müssen für ihre Erzeugung fünf Tage alte Embryonen zerstört werden: Für viele ist das gleichbedeutend mit der Vernichtung menschlichen Lebens.

Pro und Contra der embryonalen Stammzelltherapie sind hier zusammengestellt (siehe auch Vorteile der adulten Stammzellen).

Vorteile

1. Embryonale Stammzellen vermehren sich schnell

Will man Volkskrankheiten heilen, braucht man große Mengen von Stammzellen. Anders als adulte Zellen können embryonale Stammzellen fast unbegrenzt vermehrt und zu beliebigen Zellzahlen hochgezogen werden. Bislang ist die Kultur im Labor jedoch äußerst aufwendig, automatisierte Techniken für eine quasi-industrielle Herstellung sind noch nicht entwickelt.

2. Embryonale Stammzellen sind äußerst entwicklungsfähig

Da jede Körperzelle aus embryonalen Stammzellen entsteht, kann theoretisch auch jedes menschliche Organ mit diesen Zellen behandelt werden. Langsam wachsende Organe wie das Gehirn enthalten kaum adulte Stammzellen, deren Therapie ist im Moment nur mit embryonalen Stammzellen denkbar. Allerdings bieten induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen) ähnliche Möglichkeiten.

3. Genetische Defekte sind auf ein Mindestmaß begrenzt

Im Erbgut einer Zelle sammeln sich im Laufe der Zeit Mutationen an, die langfristig Krebs verursachen können. Dies ist auch bei Stammzellen so, daher gilt: Je jünger, desto besser – und jüngere Zellen als embryonale Stammzellen gibt es kaum. Allerdings stellt sich auch hier ein Problem: Werden embryonale Stammzellen lange im Labor vermehrt, verändern sie sich ebenfalls. Daher brauchen Wissenschaftler regelmäßig Nachschub von frischen Stammzelllinien.

Nachteile

1. Embryonale Stammzellen werden vom Körper abgestoßen

Jede körperfremde Zelle – dazu gehört auch die embryonale Stammzelle – wird vom Immunsystem erkannt und angegriffen. Mit Medikamenten ist dieses Problem beherrschbar, doch die Nebenwirkungen sind zum Teil erheblich. Nicht anders als bei einer Transplantation von Herz oder Niere kann dies mit beträchtlichen Einbußen an Lebensqualität verbunden sein.

2. Embryonale Stammzellen sind im Körper kaum zu kontrollieren

Die Entwicklungsfähigkeit der embryonalen Stammzellen birgt zudem ein Risiko: Sie bilden im Körper eine bestimmte Form von Krebs, Teratom genannt. Vor der Behandlung eines Patienten muss also sichergestellt sein, dass jede einzelne Stammzelle sich schon in Richtung Gewebe entwickelt hat – ansonsten droht das Risiko von Krebserkrankungen.

3. Ethische Bedenken mindern die Akzeptanz

Menschliche Embryonen müssen für diese Zellen zerstört werden, was für viele gleichbedeutend ist mit der Zerstörung von menschlichem Leben. Und die Zahl der benötigten Embryonen könnte leicht in die Höhe schnellen: Voraussichtlich benötigt man eine Fülle von Stammzelllinien, die regelmäßig erneuert werden müssen. Was das moralische Dilemma komplettiert: Dieser massenhafte Verbrauch von Embryonen würde Pharmaunternehmen beträchtliche Gewinne bescheren.

Ausblick

Embryonale Stammzellen werden seit 2010 in der Medizin getestet2: Forscher haben seitdem Fortschritte erzielt, aber die Entwicklung läuft langsamer als erhofft. Ein großer Durchbruch ist vorerst nicht zu erwarten3. Im Vergleich zu adulten Stammzellen, die bereits seit Jahrzehnten für Therapien genutzt werden, schneiden ihre embryonalen Vettern sehr schlecht ab.

Zudem lauert mit den iPS-Zellen ein Konkurrent: Diese haben ähnliche Fähigkeiten in Bezug auf Entwicklungspotenzial und Vermehrungsfähigkeit, aber die ethischen Bedenken sind deutlich kleiner (wenn auch nicht abwesend). Die Entwicklung der embryonalen Stammzelltherapien wird zwar weitergehen, vielleicht werden auch einige für die Behandlung von Menschen zugelassen. Langfristig scheinen aber Therapien mit iPS-Zellen bessere Aussichten zu haben.

1 Deinsberger et al., Global trends in clinical trials involving pluripotent stem cells: a systematic multi-database analysis, npj Regenerative Medicine, September 2020 (Link)
2 D. Cyranoski, The cells that sparked a revolution, Nature, März 2018 (Link)
3 De Luca et al., Advances in stem cell research and therapeutic development, Nature Cell Biology, Juli 2019 (Link)

Embryonale Stammzelltherapie

Embryonale Stammzellen stammen aus Blastozysten
Die Blastozyste, eine frühe Form des Embryos, ist die Quelle für embryonale Stammzellen.

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