Dubiose Stammzelltherapien: Ein Geschäft mit der Verzweiflung

   

Manche Kliniken sehen in Stammzellen nur die Geldquelle. Hunderte Webseiten werben mit wunder­samen Heilungen - doch die Aussicht auf Erfolg ist gering.

Wer im Internet nach Stammzelltherapien sucht, hat die Qual der Wahl: Angeboten werden adulte, fetale oder tierische Stammzellen, behandelt werden Nerven-, Herz- oder Stoffwechsel-Erkrankungen. Um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Doch der Nutzen dieser Stammzelltherapien ist bestenfalls zweifelhaft.

Private Kliniken bieten vielerlei Stammzelltherapien an - und lassen sich teuer dafür bezahlen.

Die Werbung wendet sich direkt an den Patienten - er muss die Therapie ja auch aus eigener Tasche bezahlen. Und die Kosten sind erheblich: Zahlen zwischen 6 000 und 30 000 Euro werden genannt, Anreise und Unterkunft meist nicht eingerechnet. Wie seriös sind diese Angebote?

Kliniken machen schwammige Angebote

Kanadische Wissenschaftler haben sich diese Stammzell­therapien genauer angeschaut und in einer renommierten Fachzeitschrift darüber berichtet1. Viele dieser Kliniken sind schon seit Jahren aktiv und behaupten, bereits Tausenden Patienten geholfen zu haben. Doch konkrete Informationen über die Heilerfolge sucht man oft vergeblich, es überwiegen dehnbare Formulierungen wie "Verbesserung des Wohl­empfindens" oder "erhöhte geistige Fähigkeiten".

Mögliche Risiken werden meist gar nicht angesprochen, und nur selten wird über Patienten berichtet, bei denen ein Heilungserfolg ausblieb. Glaubt man diesen Kliniken, dann sind ihre Stammzell-Therapien wirksam und sicher - doch unabhängige Belege werden nicht aufgeführt.

Denn erwiesen ist die Sicherheit dieser Therapien nur, wenn es sich um adulte körpereigene Stammzellen aus Knochenmark oder Blut handelt - in allen anderen Fällen wird der Patient zum Versuchskaninchen. Und die Wirksamkeit? Die kanadischen Wissenschaftler werteten alle unabhängigen und seriösen Studien aus, die sich mit der Wirkung von Stammzellen beschäftigten (insgesamt 41 an der Zahl).

Wirkung der meisten Stammzelltherapien nicht bewiesen

Das Ergebnis ist ernüchternd: Im Fall von Erkrankungen des Nervensystems (wie Parkinson, Alzheimer und multipler Sklerose) konnte in keiner einzigen Studie eine klare positive Wirkung nachgewiesen werden. Doch gerade für diese Erkrankungen wird am häufigsten geworben.

Etwas erfreulicher sind die Ergebnisse bei Herz/Kreislauf-Erkrankungen. Unabhängige Studien berichten über einen positiven Einfluss von Stammzellen auf die Pumpleistung des Herzens. Ob dies ausreicht, um die Überlebens­chance nach einem schweren Herzinfarkt zu erhöhen, ist noch weitgehend unklar. Auch wenn Hoffnung bestehen mag: Die Stammzell­therapien für Herz-Krankheiten sind noch in der Versuchsphase.

Als Fazit bleibt: Allgemein warnen Wissenschaftler davor, auf die Angebote der privaten Stammzell-Kliniken einzugehen. Es gibt fast nie einen Beweis, dass die ver­sprochenen Erfolge wirklich eintreten. Dennoch findet sich immer mehr Werbung für Stammzell­therapien im Internet7, und in den USA schießen neue Kliniken wie Pilze aus dem Boden - eine Zahl von 570 haben Wissenschaftler kürzlich gezählt6. Die internationale Stammzell-Gesellschaft ISSCR hat das Problem schon vor längerem erkannt und eigens eine aufklärende Webseite eingerichtet2.

Todesfall in Deutschland

Bis vor einigen Jahren war eine dieser dubiosen Stammzell-Kliniken sogar in Deutschland aktiv. Das Düsseldorfer XCell-Center nutzte ein Gesetzeslücke und bot die Transplantation von körpereigenen Knochenmarkzellen an - trotz massiver Kritik von führenden Experten3. Erst im Mai 2011 konnten die Behörden die Klinik schließen.

Medienberichten zufolge sind einige Ärzte des XCell-Centers bald darauf zu einer neuen Klinik gewechselt4. Die Elisees Klinik in Bonn bietet Stammzelltherapien über das Internet an - diesmal jedoch besser getarnt. Das Angebot sieht nur derjenige, der aus dem Ausland (oder mit einer ausländischen IP) darauf zugreift. Denn eigentlich darf die Klinik schon seit Monaten keine Stammzellen mehr herstellen.

Die Behörden haben diesmal früher reagiert als beim XCell-Center, wo ihnen lange die Hände gebunden waren. Erst mehrere Trägodien erlaubten ein Eingreifen: Zuerst durchlitten ein kleiner Junge schwere Komplikationen, dann starb ein 18-Monate altes Kind nach dem Eingriff an Gehirnblutungen5. Das Fazit: Wer bei dieser Art von Behand­lung nur sein Geld verliert, darf sich noch glücklich schätzen.

Teil 1/2: Dubiose Stammzelltherapien: Ein Geschäft mit der Verzweiflung
Teil 2/2: Krebs- und Todesfälle in dubiosen Stammzellkliniken
1 Lau et al., Stem Cell Clinics Online: The Direct-to-Consumer Portrayal of Stem Cell Medicine, Cell Stem Cell (2008) vol. 3, pp. 591-594 (link)
2 ISSCR, A closer look at stem cells (link)
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