Stammzelltherapien: Wer soll das bezahlen?

   

Geht es um Stammzellen, ist viel von Hoffnung die Rede - aber wenig von Geld. Doch hohe Kosten könnten die Einführung vieler Stammzelltherapien verhindern.

Unser Gesundheitswesen gilt schon jetzt als zu teuer - in Zukunft werden die Leistungen wohl eher gekürzt denn erweitert. Neue Therapien müssen dann einen messbaren Fortschritt darstellen, auch finanziell. Zwei Fragen werden daher die Entwicklung der Stammzelltherapien begleiten: Was bringen sie - und was kosten sie?

Zellbasierte Therapien

Die Antworten fallen leicht bei der Knochenmark-Transplantation, der ersten Stammzelltherapie überhaupt. Der Nutzen ist unbestritten hoch: Krebspatienten - viele davon Kinder - werden vor dem sicheren Tod bewahrt und genießen fortan ein normales und produktives Leben. Die Kosten sind, zumindest was die Stammzellen angeht, vergleichsweise gering: Die Spende ist kostenlos, die Aufarbeitung unkompliziert und eine Vermehrung der Zellen im Labor nicht notwendig. Ansonsten ist die Therapie jedoch aufwendig, und so schlägt sie mit knapp 100 000 Euro zu Buche1.

Adulte Stammzellen sind schwer zugänglich

Knochenmark-Stammzellen können in großen Mengen gespendet werden - und bilden damit eine seltene Ausnahme. Stammzellen aus der Haut hingegen müssen im Labor vermehrt werden, um selbst kleine Wunden abdecken zu können. Die Prozedur ist recht einfach: Als Quelle dienen ein paar ausgerissene Haarwurzeln, und die Stammzellen vermehren sich in der Petrischale mit hoher Geschwindigkeit. Trotzdem kostet ein Hautstück von 10 cm², also die halbe Fläche einer Streichholzschachtel, Tausende von Euro.

Die meisten anderen adulten Stammzellarten bereiten große Schwierigkeiten: Weder gibt es eine leicht zugängliche Quelle, noch lassen sie sich problemlos im Labor vermehren. Die Kosten können da schnell in die Höhe schießen. Wie hoch, das zeigte die Krebstherapie Provenge: Das Präparat aus Immunzellen kostete 93000 US $ - und verlängerte das Leben der Patienten um vier Monate. Dem Entwickler von Provenge hat die Therapie wenig Glück gebracht, die Firma ging wenige Jahre nach Markteinführung bankrott.2.

Embryonale Stammzellen und iPS-Zellen sind aufwändig

Was die Vermehrung angeht, sind embryonale Stammzellen sicherlich kaum zu übertreffen. Doch fraglich ist, ob sie dadurch billiger werden. Denn der Aufwand ist immens: Allein 150 unterschiedliche Zelllinien werden benötigt, um für etwa 85 % der Patienten eine halbwegs passende bereit zu haben4. Diese Linien sind nicht lange brauchbar und müssen ständig erneuert werden. Zusätzlich wird die Pharma-Industrie (öffentlichen Institute werden damit überfordert sein) viel Geld in die Entwicklung investieren müssen; den Endpreis wird das drastisch in die Höhe treiben.

Und iPS-Zellen? Allein die Kosten für die Herstellung einer iPS-Zelllinie werden auf mehr als 100 000 US $ geschätzt5; damit sind die Zellen aber noch nicht in einem Zustand, der für die Behandlung von Patienten geeignet ist. Dafür fallen noch einmal die gleichen Kosten an, wie oben für die embryonalen Stammzellen beschrieben.

Hohe Folgekosten

Nicht zu vergessen auch die Folgekosten: Embryonale und iPS-Zellen werden vom Immunsystem abgestoßen, so dass man ein Leben lang teure Medikamente nehmen muss. Dies kann sich auf bis zu 15 000 Euro im Jahr summieren6.

Die Kosten wären vielleicht zweitrangig, wenn Stammzellen die Therapie von bislang unheilbaren Krankheiten ermöglichen. Doch wie realistisch sind die Hoffnungen? Immer wieder genannt werden Parkinson oder Alzheimer, bei denen wäre aber schon die Linderung der Symptome ein großer Erfolg. Die Aussicht auf eine vollständige Heilung wird von Experten sehr skeptisch gesehen7,8. Damit wird die Frage aufkommen: Wie viel Linderung ist uns wie viel Geld wert?

Was kostet ein Lebensjahr?

In England geht man diese Frage schon an: Ein gewonnenes gesundes Lebensjahr darf 30 000 £ kosten. Sind Therapien teurer, werden sie von der Gesundheitsbehörde nicht genehmigt9. Das hat viel Protest ausgelöst, auch manche Preissenkung erzwungen. Aber letztlich blieb einigen Medikamenten der Zugang zum englischen Markt versperrt.

Und das Fazit? Stammzellen aus der Haut und dem Knochenmark sind in der Medizin gut etabliert, der Nutzen rechtfertigt die Kosten allemal. Für Stammzellen aus der Nabelschnur oder dem Blut - etablierte Alternativen zum Knochenmark - gilt das gleiche. Doch andere Stammzelltherapien stehen vor einer großen Hürde: Wie viele sie nehmen werden, ist noch unklar.

1 Klinikum der Universität München, Entgelttarif für Krankenhäuser im Anwendungsbereich des KHEntgG und der BPflV (link)
2 H. Ledford, Therapeutic cancer vaccine survives biotech bust, Nature, Februar 2015 (link)
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Zellbasierte Therapien

Weltweit gibt es nur wenige kommerzielle Stammzelltherapien, die von Behörden zugelassen wurden. Aber die sind meist sehr teuer. (mehr hier)

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